Nettetal: Behindert und abgeschoben
VON PHILIPP PETERS - zuletzt aktualisiert: 21.08.2008Nettetal (RPO). Christina Boje aus Lobberich ist spastisch gelähmt. Sie hat aber einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung. Seit zwei Jahren irrt sie durch ein Labyrinth von Fehlern und Abweisungen. Hilfe bleibt ihr bis heute verwehrt.
Die Agentur für Arbeit ist der Meinung, dass Christina Boje ganzjährig als Erntehelferin arbeiten könnte. Sie könne aber auch als Serviererin in der Gastronomie tätig sein. Dumm nur, dass Christina Boje schwerbehindert ist. Als sie zur Welt kam, hatte sich die Nabelschnur achtfach um ihren Hals gewickelt. Sie war klinisch tot.
Christina Boje ist spastisch behindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie spricht nur sehr schwer verständlich, ein Sprachcomputer hilft ihr. Geistig ist sie keineswegs eingeschränkt. Sie hat einen Schulabschluss und dann, auch unterstützt von der Agentur für Arbeit, in einem Berufsbildungswerk die Ausbildung zur Bürokraft abgeschlossen. Die Abschlussprüfung bestand sie Mitte 2006 mit der Note „gut“.
Chef kümmert sich
Reaktion Peter Ewert, Vorstand der Agentur für Arbeit Krefeld/Kreis Viersen, will sich selbst um die Angelegenheit kümmern.
„Offensichtlich ist da einiges schief gelaufen. Ich bedaure das. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass wir so schnell wie möglich gemeinsam zu einer zufriedenstellenden Lösung kommen“, erklärte er gestern.
Nicht ernst genommen
„Drei Monate vor der letzten Prüfung habe ich der Agentur für Arbeit mitgeteilt, ich sei bald fertig und wolle ins Berufsleben gehen“, erzählt die junge Lobbericherin. Zunächst rührte sich nichts. Erst zwei Wochen nach der Prüfung verhalf ihr der Integrationsfachdienst zu einem Termin. „Ich hatte schnell den Eindruck, dass man mich dort wegen der Behinderung nicht wirklich ernst nehmen wollte“, sagt die junge Frau. Auch ihre Zeugnisnoten, so ihr Eindruck, hätten keine sonderliche Beachtung gefunden.
Rainer Krinx vom Integrationsfachdienst hat Christina Boje schon in der Ausbildung betreut. Er würde ihr gerne weiter helfen. Doch das setzt seine Ernennung durch die Agentur für Arbeit voraus. Allen Bemühungen zum Trotz hat sich nichts weiter getan. Mehrfach meldete sie sich als Arbeit suchend. Dann erhielt sie jenen Brief, der sie aufforderte, sich als Erntehelferin zu melden. Auf Nachfrage hieß es, es handele sich um ein „Versehen“. Kurze Zeit später erhielt sie die Aufforderung Arbeitslosengeld II zu beantragen. Doch wurde sie als erwerbsunfähig eingestuft. „Ich war vollkommen schockiert. Immerhin habe ich eine abgeschlossene Berufsausbildung“, berichtet sie.
Später erfuhr sie, sie habe ihre Einstufung einem Gutachten aus früher Kindheit zu verdanken. „Mir wurde auch die Grundsicherung gestrichen, auf die ich als Behinderte Anspruch habe.“ Nach eigenen Recherchen hat sie erfahren, in solchen Fällen müssten Arge und Sozialamt zusammenarbeiten. Sie bezweifelt, dass dies der Fall ist.
In Viersen ließ sie sich vom Amtsarzt bestätigen, dass sie am Tag sechs Stunden arbeitsfähig ist. „Der Arzt verstand gar nicht, warum das nicht so sein sollte“, so Boje. Sie erhält weiterhin keine Grundsicherung. „Es wird einem das Gefühl vermittelt, man sei entweder behindert oder aber man stelle sich nur so.“ Im Mai kam dann der Vermittlungsvorschlag für die Gastronomie.
„Ich weiß nicht mehr weiter, aber ich will nicht aufgeben.“ Die Werkstatt für Behinderte lehnte ihre Aufnahme ab, da sie voll berufsfähig ist. Den Status möchte sie nicht aufgeben. Sie schreibt Bewerbungen und durchforstet Stellenanzeigen. Nicht einmal Absagen erhält sie. „Ich habe mein ganzes Leben gekämpft, und das werde ich weiterhin machen. Ich frage mich nur, warum die Agentur meine Ausbildung unterstützt hat und mich nun so hängen lässt.“
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