In 50.000 Jahren dringt das Meer ein: Das Nettetal versinkt im Wasser
VON MANFRED MEIS - zuletzt aktualisiert: 21.12.2006 - 10:29Die Schaukästen über das Gebiet der Krickenbecker Seen in den letzten 13.000 Jahren kann Dr. Ansgar Reichmann demnächst um einen fünften ergänzen. Denn Professor Dr. Josef Klostermann, Präsident des in Krefeld ansässigen Geologischen Landesamtes, prophezeit: „In 50.000 Jahren dringt das Meer hier ein, der westliche Niederrhein ist dann weg“. Wer auf den Hinsbecker oder Süchtelner Höhen wohnt, bekommt keine nassen Füße.
An diesem „Viersener Sprung“ reibt sich die Venloer Scholle, die durch Druck vom Atlantik her in die Tiefe gedrückt wird: jährlich um 0,3 mm, eine für Geologen „heftige Bewegung“, die sich in 50000 Jahren zu immerhin 15 Metern auswachsen. Nur der Turm von Schloss Krickenbeck ragte dann noch aus dem Wasser. Aus und vorbei ist es mit den viel gepriesenen Schönheiten des Nettetales.
Das Nettetal und die Krickenbecker Seen sind für Klostermann „eine Rarität in Europa“. Sie haben sie ihren Ursprung in einer großen tektonischen Verwerfung der Erdkruste, die den Höhenzug entstehen ließ. Das Land war in jedem Frühjahr Überschwemmungsland des Rheins: „Da konnte man nicht trockenen Fußes von Düsseldorf nach Venlo gehen“, sagte der Geologe, der trockene Materie mit anschaulichen Vergleichen verständlich machte.
Dazu gehörten die beiden „Knäckebrotscheiben auf der heißen Erbsensuppe“, mit denen er erklärte, was sich seit Jahrmillionen mitten im Atlantik tut: Von dort werden die Kontinentalmassen Europa/Afrika und Nord-/Südamerika durch Druck aus dem flüssigen und siedend heißen Erdinnern weiter auseinandergetrieben - im Atlantik entsteht ein neues Gebirge wie die Haut, die die erkaltende Suppe zwischen den Knäckebrotscheiden bildet. Das alles hat Fernwirkungen auf die Krickenbecker Seen.
Nahwirkungen erwartet Klostermann kaum. „Es gibt höchstens das eine oder andere Erdbeben“, meinte er mit Blick in die nächsten 50 bis 100 Jahre. Wann sie kommen, können die Geologen nicht sagen; sie wissen aber, dass sie die Stärke 6,4 bis 6,9 auf der Richterskala erreichen können. Das Erdbeben bei Roermond im April 1992 zeigte 5,9 auf den Messinstrumenten an. Während vom Steinkohlenbergbau kleine Erdbeben ausgehen können (wie am 14. Dezember in Kamp-Lintfort), sieht der Chef-Geologe keine Gefahr bei den Braunkohletagebauen: „Die gehen bis 400 m tief, das sind klitzekleine Nadelstiche, die jucken die Erde nicht.“
Der Vortrag auf Einladung des historischen Vereins Sablonibus, der Stadt Nettetal, des Netteverbandes und der Biologischen Station soll demnächst schriftlich vorliegen.
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