Nettetal: Das verflixte erste Jahr
VON MANFRED MEIS - zuletzt aktualisiert: 28.12.2010Nettetal (RPO). Kommunale Muss-Ehen sind zum Erfolg verpflichtet. Doch verläuft der Nettetal-Start vor 40 Jahren zäher als erwartet. Die Vision eines neuen Stadtzentrums zwischen Lobberich und Breyell bleibt Vision.
Nettetal im Jahre 1
Verwaltung Die bisherigen Rathäuser werden weiter genutzt mit Bildung von Dezernaten.
Baugesellschaft Der Kaldenkirchener Bauverein Eigenheim wird zur Nettetaler Baugesellschaft mit neuem Aktionsradius.
Stadtwerke Die ehemaligen Stadt- und Gemeindewerke werden zunächst als Eigenbetrieb unter gemeinsamer Leitung weitergeführt, zum 1. Juli 1971 werden daraus die Stadtwerke Nettetal.
Auf dem Papier sieht alles phantastisch aus. Zwischen dem Windmühlenbruch in Lobberich und der Autobahn (damals noch Landstraße 135) in Breyell ist Platz genug für eine neue Mitte der jungen Stadt Nettetal, die nach den Vorstellungen der Landesplaner dermaleinst bis zu 60 000 Einwohner aufnehmen soll. Deshalb hat der Düsseldorfer Raumplaner Thomas K. Robaschik dort nicht nur Rathaus, Kultur-, Bildungs- und Sportzentren geplant, sondern neben Kureinrichtungen mit Hotels und Pensionen in Seenähe auch Wohnungen in unterschiedlichsten Formen geplant, die auch im Bereich südlich des Nettebruchs bis Lötsch errichtet werden können. "Die Zukunft Nettetals hat schon begonnen" steht deshalb in einer Zeitung nach dem Vortrag des Professors Mitte Juli.
Altlasten abgearbeitet
Die Computer eines israelischen Stadtforschungsinstitutes will der Dortmunder Städteplaner Peter Zlonicky (er hat die Sanierung des Brüggener Ortskerns entworfen und soll nun den ersten Nettetaler Flächennutzungsplan erstellen, Anm. der Redaktion) einsetzen, um Kosten zu ermitteln und auch Alternativen durchrechnen zu lassen. Denn auch das Gelände "Westlich Schmaxbruch" mit einer S-Bahnstation Leutherheide bietet sich an.
Bereits vor den Computerergebnissen will die SPD zum Jahresende "klar Tisch" machen, doch verschiebt die CDU-Ratsmehrheit den Beschluss auf das Frühjahr 1971. Spätere Planungen werden dann ein Opfer der Ölkrise und sich radikal ändernder wirtschaftlicher Bedingungen.
Dass die hochfliegenden Erwartungen an die neue Stadt Nettetal nicht auf Anhieb erfüllt werden können, räumen Bürgermeister Karl Reulen und Stadtdirektor Hans-Willi Güßgen zum Jahresende ein. Zunächst habe sich die neue Stadt erst einmal organisieren und die Altlasten der früheren Gemeinden abarbeiten müssen, die der neuen Stadt viele Projekte mit auf den Weg gaben, etwa die Turnhalle für Leuth oder eine Sporthalle an der neuen Hauptschule Breyell. Um Planungen für Nettetal zu finanzieren, sollten 1971 die Steuern angehoben werden – eigentlich kein guter Start für Nettetal, das damals eine Haushaltslücke von vier Millionen DM zu schließen hatte.
Obwohl sich nach außen sichtbar nicht so viel getan hat, sind Bürgermeister und Stadtdirektor der Meinung, dass 1970 kein verlorenes Jahr gewesen ist, "weil doch mancher Baustein für die Zukunft zusammengetragen werden konnte". Beide sind zuversichtlich, dass "unsere neue Stadt 1971 'auf dem Reißbrett' steht". Aber es werde dann noch viel Zeit brauchen, bis Nettetal "zu einer Stadt nach den Wunschvorstellungen" werde.
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