Nettetal: Die Wildschweine kommen
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 04.10.2008Nettetal (RPO). Weit mehr als 2000 Wildschweine gibt es im Kreisgebiet. Die Tiere vermehren sich in rasendem Tempo. In Kaldenkirchen rücken sie bereits bis in die Wohngebiete am Rand des Grenzwaldes vor.
Heinz Jürgen ist bitterböse und „auf die da oben“ ganz schlecht zu sprechen. „Wenn man mal Hilfe braucht, lassen die einen hängen. Mir muss keiner mehr kommen, ich solle mich engagieren“, schäumt er. „Hängen gelassen“ fühlt er sich, seitdem im vergangenen Jahr Wildschweine gleich gegenüber seinem Haus an der Kreuzmönchstraße in Kaldenkirchen einen liebevoll gepflegten Minipark bis zur Unkenntlichkeit umgepflügt haben. Dass vor wenigen Tagen Wildschweine nur wenige Meter vor seinem Haus das Gelände erneut umgepflügt haben, lässt ihn jetzt kalt.
Aufgeschreckt hat die Nachricht allerdings die Stadt Nettetal. So nah an der Wohnbebauung hatte man Wildschweine bisher nicht erwartet. Ein „zweites Raderberg“, also einen Fall, in dem im Nachhinein die hektische Suche nach Verantwortlichen losgeht, will sich die Stadt nicht leisten.
Eine Plage
Vorkommen In ganz Europa vermehren sich Wildschweine mit enormem Tempo.
Vermehrung Die Reproduktionsrate liegt bei 300 Prozent. Im kommenden Jahr könnten also bis zu 6000 Wildschweine da sein.
Klima Warme Winter, große Eichelmast als Kraftfutter fördern die Entwicklung der Tiere.
Jäger sind ratlos
Dass die Wildschweinplage erst jetzt die Stadt erreicht, ist eher ungewöhnlich. Experten diskutieren seit mehreren Jahren bereits, wie sie der Überbevölkerung des Waldes durch die Schwarzkittel Herr werden. Mehr als kollektive Ratlosigkeit ist dabei nicht herausgekommen. Im März 2007 schätzte der Jagdberater des Kreises Viersen, Günter Baumeister, den Wildschweinbestand auf „etwa 800“. Seine erschreckende Prognose über die Entwicklung von damals ist weit übertroffen. Inzwischen bevölkern weit mehr als 2000 Wildschweine das Kreisgebiet, vorwiegend die Wälder im Grenzraum. Baumeister schätzt, dass in diesem Jahr mindestens 800 Wildschweine erlegt werden.
Das allerdings ist sehr schwierig. Die hoch intelligenten Tiere können nur nachts, bei gutem Licht (Vollmond, wolkenloser Himmel) und brauchbaren Windverhältnissen gejagt werden. Die Jäger zielen auf die Jungen, die „Frischlinge“. Ein Bache, das Muttertier, meidet danach die Stelle, sie bleibt weg. Da Wildschweine aufgrund des milderen Klimas beste Lebensbedingungen vorfinden, vermehren sie sich explosionsartig. Der Populationsdruck wächst, also suchen sich die jüngeren Tiere eigene Reviere. „In jedem Maisfeld auch östlich der Niers finden wir heute Wildschweine“, hat Baumeister festgestellt.
Da Wildtiere herrenlos sind, weiß im Augenblick niemand, wie mit ihnen umzugehen ist, wenn sie in Gärten einfallen und womöglich auf Kinder losgehen. In den Revieren sind Jagdpächter verantwortlich für Schäden. Darum müssen sie intensiver jagen. Aber es wird kein Einzelfall bleiben, dass Wildschweine in Wohngebiete vordringen. „Die sind schlau und wissen, dass sie in Mülltonnen eine Menge Fressbares finden“, so Baumeister.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.



