Nettetal: Ein Gefährt lässt Kevin gehen
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 25.02.2010Nettetal (RPO). Bisher verließ sich Kevin Bons ganz auf seinen Rollstuhl – mit einer Gehhilfe schämte sich der behinderte 15-Jährige. Das ändert sich nun: Gestern bekam er einen aufgemotzten, von den Borussia-Stars signierten Rollator geschenkt.
Spina bifida
Was Beim "offenen Rücken" handelt es sich um eine Fehlbildung des so genannten Neuralrohrs, einer früheren Entwicklungsstufe des späteren zentralen Nervensystems im Mutterleib.
Wer Der Defekt tritt bei etwa jeder 1000. Lebendgeburt auf.
Folgen Je nach Schwere der Schädigung von Problemen beim Gehen bis zur Querschnittslähmung.
Der Junge steht – auf seinen eigenen Beinen. Etwas wackelig, aber er steht. Der Rollstuhl? Achtlos beiseite geschoben. Stolz blickt Kevin Bons um sich, lässt den Blick über den Trainingsplatz der Gladbacher Borussia schweifen. Die Profis ziehen an ihm vorüber, verewigen sich mit weißem Lackstift auf seinem neu gestalteten Rollator: Juan Arango, Oliver Neuville, Marco Reus, Tobias Levels. Dann kommt Trainer Michael Frontzeck. Der guckt zwar erstmal grimmig, aber das tut er immer; freundlich klopft er dem 15-Jährigen auf die Schulter, scherzt, das schicke Gefährt solle in Serie gehen. Kevin fehlen ein bisschen die Worte. "Stylish", bringt er nur hervor, und blickt immer wieder ungläubig auf den schwarz lackierten Rollator mit Borussia-Emblem, auf den er sich stützt.
Von Geburt an leidet der Hinsbecker, der die Integrationsklasse der Jahrgangsstufe 8 an der Gesamtschule Nettetal besucht, an "spina bifida", dem offenen Rücken. "Wie bei 95 Prozent seiner Leidensgenossen hat das auch bei Kevin zu einer Querschnittslähmung geführt", sagt sein Physiotherapeut Michael Weber von "Nettevital", dem Gesundheitszentrum des Städtischen Krankenhauses Nettetal. "Wir haben aber ein kleines bisschen Hoffnung, dass er irgendwann doch noch ohne Hilfe laufen kann." Das Problem bisher: Kevin wollte gar nicht laufen. Denn seinen Rollator wies er stets empört von sich. "Er wollte nicht mit einem ,Oma-Gerät' herumlaufen", sagt seine Mutter Alexandra Bons-Rosin.
Das änderte sich gestern jedoch schlagartig. "Zufällig" musste der 15-Jährige nicht zur Schule, und "zufällig" hatte auch sein Pfleger frei. "Da sind wir einfach mal zu Borussia zum Training gefahren", sagt Weber augenzwinkernd. "Kevin ist schließlich großer Fan, er ist eigentlich bei jedem Heimspiel dabei." Auf Weber geht die Idee zurück, dem Jungen einen Borussia-Rollator zu schenken. Er schrieb eine E-Mail an den Verein, Fanbeauftragter Jan Ruoff meldete sich postwendend zurück. Die Viersener Firma CarColor Inderelst und Marcus Heller, Geschäftsführer des Kaldenkirchener Unternehmens Koerfers Lasertechnik und ebenfalls "glühender Borussia-Fan", motzten Kevins vormals unbeachtete Gehhilfe dann auf: mit einer edlen schwarzen Front und weißen Spoilern an der Seite, die ein tänzelndes Fohlen zeigen. "Damit gehe ich gerne in die Schule und zur Physiotherapie", sagte der überrumpelte Jugendliche mit strahlenden Augen.
Michael Weber und sein Kollege Klaus Schmitz sind sicher, dass der Junge durch die größere Mobilität auch in Schule und Sport profitieren wird. Denn: Kevin ist Handbiker und träumt davon, an den Paralympics 2012 in London teilzunehmen. In Peking 2008 war er bereits, damals jedoch als Gast des Deutschen Behindertensportverbands. Im selben Jahr wurde in der Altersklasse U17 Dritter bei der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren.
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