Nettetal: Erst die Partei, dann die Kirche
VON MANFRED MEIS - zuletzt aktualisiert: 19.02.2010Nettetal (RPO). Vor 65 Jahren kamen beim Absturz einer defekten V 1 mindestens 35 Menschen ums Leben. Bei der Beisetzung der zivilen Opfer hatten zuerst die Vertreter der NSDAP das Wort. Die Toten wurden in der alten Kirche aufgebahrt.
Bis zehn Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen war Lobberich weitgehend von Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben oder, wie es der Schuhmachermeister und Chronist Arnold Frank nach 1945 niederschrieb, "gnädig davongekommen". Dann kam, schrieb Frank weiter, "am 19. Februar 1945, einem sonnigen Vorfrühlingstag, die große Katastrophe": ein defekter Marschflugkörper vom Typ Fieseler Fi 103, von Reichsminister Joseph Goebbels propagandistisch als "Vergeltungswaffe 1" (V 1) bezeichnet, ging in der unteren Hochstraße nieder und zerstörte die Häuser Caelers/Thissen, Walter, Hotel Köster und Hormes (7 bis 13) völlig und machte weitere in der Nachbarschaft unbewohnbar.
Kriegsende
1. März Amerikanische Truppen marschieren am 1. März von Boisheim her in Lobberich ein. Bei Beschuss in der Nacht zuvor werdenahlreiche Häuser zerstört.
15. März Die Ausgehzeit wird auf drei Stunden verlängert. Der Lobbericher Christoph Mülleneisen wird zum Landrat ernannt.
7./8. Mai Die deutsche Wehrmacht hat kapituliert, der Waffenstillstand ist unterzeichnet.
Wie viele Opfer dieses Unglück forderte, ist nicht bekannt, denn im Hotel Köster waren Soldaten einquartiert. Deren Zahl hatte geheim zu bleiben. Bekannt sind 25 zivile Opfer, von denen zwei erst Monate später unter den Trümmern gefunden wurden. Auch gehört zu ihnen eine Frau, die in der (neuen) Pfarrkirche St. Sebastian von herabfallendem Gestein getötet wurde, das sich durch die Explosionswucht der V 1 gelockert hatte.
Aus Trümmern gerettet
Viele konnten aus den Trümmern gerettet werden, so Hubertine Thissen und ihre Kinder Gertrud und Josef. Sie und ihre Schwester Käthe Kauerz haben aber mit ansehen müssen, wie ihre Eltern Josef und Mechthilde Caelers tot aus den Trümmern gezogen wurden. Christel Köster überlebte, weil sie unter den Tresen des Gastraumes geschleudert wurde. Noch Jahrzehnte hat sie die vielen Splitter in ihrem Körper verspürt.
Die Toten wurden in der alten Kirche am Ingenhovenpark, in der fast alle Fenster zu Bruch gegangen waren, aufgebahrt. Am Samstag, 24. Februar, fanden Trauerfeier und Beerdigung statt. In einem bisher unveröffentlichten Manuskript, dessen Autor unbekannt ist und das sich in Unterlagen von Pfarrer Klaus Dors befand, heißt es: "Die Särge standen in langer Reihe vor dem Gedenkstein auf dem Ehrenfriedhof. Der Ortsgruppenleiter (der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei, NSDAP, Wilhelm Wustmann) hatte u. a. auf das gemeinsame, einende Schicksal und die Volksgemeinschaft hingewiesen. Dann entfernte er sich mit seinem Gefolge, um dem sich anschließenden kirchlichen Akt auszuweichen." Das Geschehen wird so kommentiert: "Die Partei ist alles, außer ihr gilt niemand und nichts. So klang es aus diesem brutalen, anmaßenden Verhalten selbst noch im Angesicht der Majestät und Allgewalt des Todes und an den offenen Gräbern der in der Heimat einem grausigen Unglück zum Opfer Gefallenen."
Nach der Einsegnung und den Ansprachen der katholischen und evangelischen Pfarrer konnte Bürgermeister Leo Marx gerade noch Kränze an jedem Sarg niederlegen, ehe wegen eines Fliegeralarms die Trauerfeier abgebrochen wurde. Erst danach "trugen Angehörige, Freunde und Nachbarn die zerschlagenen Leiber ihrer Lieben zu den einzelnen Gruften und Gräbern."
Für den unbekannten Autor war es ein "unvergesslicher, aber überaus bedrückender, zu Herzen gehender Anblick." Und eine der Betroffenen schrieb zwei Tage danach ihrem Mann "im Felde": "Es war ein sehr, sehr harter Tag für alle. Die Leidtragenden und ich werden ihn nie vergessen." Trotzdem lässt sie den Mut nicht sinken: "Das Kreuz, was uns der Herrgott auferlegt, hilft er, uns auch tragen."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum


