Nettetal: Flucht übers Meer überlebt
VON SABRINA TILGNER - zuletzt aktualisiert: 30.09.2009Nettetal (RPO). Vor 30 Jahren startete der deutsche Journalist Rupert Neudeck die Hilfsaktion "Ein Schiff für Vietnam". Die Helfer auf der "Cap Anamur" retteten rund 10 400 Flüchtlingen das Leben. Eine von ihnen ist Thulan Huynh aus Lobberich.
Es sind Erinnerungen, die Thulan Huynh niemals loslassen werden. Erinnerungen an Hunger, gesunkene Boote und Ertrunkene. Huynh ist eine von 1,6 Millionen so genannten "Boat People". Diese Menschen, die meisten Vietnamesen, flüchteten in den 70er und 80er Jahren. Grund war die politische Lage nach dem Vietnam-Krieg, als sich Nord und Süd zu einem kommunistischen Land vereinten. In überladenen Booten flohen sie über das Chinesische Meer. Viele ertranken, wurden von Piraten ermordet. Thulan Huynh überlebte. Das deutsche Hospitalschiff "Cap Anamur" holte die damals Elfjährige und ihre drei Geschwister an Bord. Die 38-Jährige wohnt mit ihrem Mann und zwei Töchtern (9 und 12) in Lobberich.
Cap Anamur
Schiff Die Cap Anamur war ein Frachtschiff, das der deutsche Journalist Rupert Neudeck für die Rettungsaktion "Deutsches Komitee. Ein Schiff für Vietnam" zu einem Hospitalschiff umbauen ließ. Am 13. August 1979 erreichte es das Chinesische Meer.
Gerettete Das Schiff rettete zwischen 1979 und 1986 rund 10 400 vietnamesische Flüchtlinge aus dem Meer.
Der Urlaub war eine Flucht
Thulan Huynh stammt aus einem Dorf südlich von Saigon, lebte dort mit ihren Eltern und zehn Geschwistern. Im Februar 1981 sollte sie mit zwei Brüdern (19 und 14) und einer Schwester (16) zu den Großeltern reisen – angeblich. Denn geplant war die Flucht nach Thailand. "Meine Eltern konnten nicht alle Kinder versorgen. Es war schmerzhaft für sie, uns wegzugeben, damit wir ein besseres Leben haben", erzählt Thulan Huynh. Von der gefährlichen Reise ahnte sie nichts. Erst als Schleuser sie in einem Fischerboot aufs offene Meer hinausbrachten, Soldaten sie beschossen und sie in einem zwölf Meter langen Kutter mit 100 anderen kauerten, erzählte ihre Schwester, dass sie nie wieder zu den Eltern zurückkehren würden. "Das war sehr schwer für mich", sagt Huynh.
Drei Nächte und zwei Tage waren sie unterwegs, aßen einmal Früchte. Am Ende streikte der Motor, das Boot war manövrierunfähig. "Wir hatten Angst", sagt Huynh. Mitten in der Nacht sei ein Schiff auf sie zugekommen. "Wir fragten uns: Sind das Piraten oder Retter?" Die Flüchtlinge kannten die Geschichten von Piraten, die Frauen vergewaltigten und über Bord warfen. Und sie kannten die Geschichten von der Cap Anamur, die Flüchtlinge rettete. "Wir hatten Glück", sagt Thulan Huynh. Es war das deutsche Schiff, das den Fischkutter über Funk gefunden hatte. Drei Wochen versuchte die Cap Anamur noch weitere Flüchtlinge zu retten. "Oft kamen wir zu spät, sahen nur noch die Spitze der gekenterten Boote. Wir dachten, das hätte uns auch passieren können", erzählt Huynh.
Gleichzeitig dachten sie an ihr neues Leben. Flüchtlinge, die die Cap Anamur rettete, wurden bis 1982 in Deutschland aufgenommen. Die Geschwister kamen nach Hamburg, dann Unna, im September 1981 nach Rheindahlen. "Wir waren glücklich, aus den Lagern zu kommen und dankbar, gerettet worden zu sein. Ich bin froh, dass mein Leben so geworden ist", sagt Huynh, die mittlerweile Deutsche ist. 1989 stellte sie einen Antrag auf Familienzusammenführung. Neun ihrer Geschwister leben in Nettetal und Gladbach, die Mutter in Odenkirchen. Ihr Vater starb vor einigen Jahren.
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