Nettetal: Gedenken an Pogromnacht in Nettetal
zuletzt aktualisiert: 10.11.2009Nettetal (RPO). Von allen Juden, die aus Lobberich deportiert wurden, überlebte nur Walter Sanders Konzentrationslager und Todesmarsch. Jahre später kehrte er trotz der bitteren Erfahrungen nach Lobberich zurück. "Das war mein Nachbar", sagte eine Frau nach dieser Geschichte eines Lebenslaufes. Sie gehörte zu den Besuchern des dritten Katzenelson-Abends im evangelischen Gemeindehaus Lobberich.
Im Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938 widmete Pfarrer Dr. Matthias Engelke die dritte von 15 geplanten Veranstaltungen Jizchak Katzenelsons "Großem Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk". "In dieser Nacht brannten die Synagogen auch in Kaldenkirchen und Breyell", erinnerte der Geistliche.
Beim gleichermaßen bedrückenden und nachdenklich stimmenden Abend wurde ebenso an die Opfer des ehemaligen Pflegeheims und der Tötungsanstalt in Hostert erinnert. Der pensionierte Hauptschullehrer Peter Zöhren projizierte das Foto eines Sommeridylls an die Wand: In einer Zinkwanne plantscht das Mädchen Elschen. Es wurde als "schwachsinnig" eingestuft, in die Kinderfachabteilung von Hostert eingeliefert und dort ermordet. Sichtlich ergriffen berichtete Zöhren vom Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Sein Dank galt dem anwesenden ehemaligen Schulleiter Hubert van Horrick für die Einrichtung einer Gedenkstätte in Waldniel Hostert.
Berührende Schicksale
Beate Engelke stellte zwei Lebensläufe verfolgter Menschen aus Nettetal vor. Als sie von deren Schicksal las, habe sie am meisten die "schleichende, langsame Selbstverständlichkeit" bestürzt, mit der es normal wurde, jüdische Bürger auszugrenzen, erzählte sie. Pfarrer Engelke umriss Katzenelsons Lebenslauf: Er wurde in Weißrussland geboren und bemühte sich, die hebräische Sprache in Polen bekannt zu machen. Seine Frau und Kinder starben in Treblinka. Die Erlebnisse fasste Katzenelson zusammen und übertrug sie ins Jiddische, in ein Werk mit einer "großartigen Konstruktion". Rabbi Jeremy Milgrom las die Strophen des dritten Gesangs in der Originalsprache. Der Jerusalemer Rabbi und der Lobbericher Pfarrer lernten sich vor drei Jahren beim internationalen Versöhnungsbund kennen. Der Versöhnungsgedanke trug nun auch die gemeinsame Lesung, als Engelke die deutsche Übersetzung las. Die einfühlsame Interpretation jüdischer Musik durch Uli Windbergs am Klavier und den Klarinettisten Herbert Holtemeyer ließ Zeit zum Nachsinnen.
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