Nettetal: Geschichten von Verlierern
zuletzt aktualisiert: 27.06.2009Nettetal (RPO). Wer sucht, der findet. Doch nicht alles, was gefunden wird, wird von den Besitzern vermisst. So landen jede Menge Fundstücke im Rathaus. Schönes, Kurioses, Seltsames. Und wird verkauft. Etwa heute.
Alles kann verloren gehen. Sogar Dinge wie Satelliten-Receiver und Handstaubsauger. Aber alles kann auch wiedergefunden werden. Ein zentraler Ort, an dem in Nettetal verlorene Dinge wieder auftauchen, ist das Rathaus. Dort hält der Bürgerservice eine Fund- und Sammelstelle vor. Seit neun Jahren verwaltet Angelika Obst beim Bürgerservice das Verlorene. Vor dem heutigen Fundsachenverkauf erzählt sie Kurioses rund ums Verlieren und Wiederfinden.
Welche Dinge stehen zum Verkauf?
Obst 25 Fahrräder, drei Handys, 17 Brillen, 18 Taucherbrillen, zwei Autoradios, eine Geldbörse, fünf Schmuckstücke, neun Uhren, elf Taschen, zwei Gehhilfen, einen Satelliten-Receiver, ein Walkie-Talkie, einen Handstaubsauger und eine Werkstattlampe.
Fundsachenverkauf
Wann Heute von 10 bis 12 Uhr im Nettetaler Rathaus, Doerkesplatz 11, beim Bürgerservice.
Was Verkauft wird alles, was nach sechs Monaten nicht dem Eigentümer zurückgegeben werden kann und was auch der Finder nicht haben möchte.
Garantie Gibt die Stadt keine.
Können Sie erklären, wie man einen Satelliten-Receiver verlieren kann?
Obst Der Receiver ist keine Fundsache, sondern wurde von der Polizei sichergestellt. Es handelt sich vermutlich um Diebesgut, das dem Eigentümer nicht mehr zugeordnet werden kann. Die Polizei gibt solche Gegenstände an uns weiter. Kürzlich waren es zwei Ghettoblaster, die in einem Park sichergestellt wurden.
Hatten Sie schon mal kuriose Fundsachen in Aufbewahrung?
Obst (lacht) Ja. Gebiss, Kanu und Speer – alles schon mal hier gewesen. Auch ein Geldspielautomat lag bei uns mal zur Aufbewahrung. Der Automat stand an einer Straße. Der Bauhof hat ihn hergebracht. Wir haben ihn getestet: Er funktionierte und schluckte D-Mark.
Wie kann das sein?
Obst So was wie einen Geldspielautomaten verliert man natürlich nicht. Er stammt vielleicht aus einem Partykeller, wurde abmontiert und demjenigen, der ihn mitnahm, möglicherweise zu schwer. So hat er das Teil zurückgelassen und es ist bei uns gelandet. Vermutlich. Sicher weiß ich das nicht.
Das klingt, als ob Sie sich Gedanken r machen, welche Geschichte hinter einer Fundsache stecken könnte.
Obst Ja, beispielsweise, als wir kürzlich einen Rollator zur Aufbewahrung erhielten. Da fragte ich mich natürlich: Wo ist der dazugehörige Mensch geblieben?
Wo ist er geblieben?
Obst Der Mensch kam nicht abhanden.Die Eigentümerin kam bei uns vorbei und holte den Rollator ab.
Wie konnte sie ihn verlieren?
Obst Das bleibt auch für uns ein Rätsel. Es war aber durchaus nicht das erste Mal, dass uns Gehhilfen gebracht wurden. Ich erinnere mich auch an zwei aufgefundene Rollstühle, die wir mal aufbewahrten. Oder einen Kinderwagen. Da wundere ich mich schon: Man verliert doch keinen Kinderwagen. Aber offenbar gibt es nichts, was nicht verloren gehen kann.
Was liegt denn aktuell im Depot?
Obst Eine Erinnerung an den vergangenen kalten Winter: drei Paar Damenschlittschuhe. Die wurden offensichtlich an einem Nettetaler See vergessen. Sie kommen morgen aber nicht zum Verkauf, weil die Aufbewarungszeit von sechs Monaten noch nicht abgelaufen ist. Die Besitzer könnten sich zwischenzeitlich melden.
Sind die Fundsachen, die Sie morgen anbieten, alle vor einem halben Jahr verloren gegangen?
Obst Nicht ausschließlich. Es sind auch Sachen dabei, die wir bereits seit zwei bis drei Jahren aufbewahren. Das gilt nicht für die Fahrräder. Viele finden nach dem halben Jahr einen neuen Besitzer. Die übrigen nimmt ein Fahrradhändler mit, der sie aufarbeitet.
Wie viele der verlorenen Dinge werden letztlich wieder vom Eigentümer abgeholt?
Obst Ein verschwindend geringer Teil. Von den 350 Fundsachen, die ich bislang in Aufbewahrung hatte, sind maximal zehn abgeholt worden.
Wie kann das sein?
Obst Offensichtlich interessiert das Verlorengegangene die Leute nicht. Obwohl darunter hochwertige Dinge sind. Ich erinnere mich beispielsweise an eine tolle Lederjacke, die jemand nach einer Karnevalsveranstaltung vergessen hat. Da hat nie jemand nach gefragt.
Das heißt, Sie erhalten kaum Anfragen von Menschen, denen etwas abhanden gekommen ist?
Obst Das stimmt so nicht. Letztens rief jemand an und fragte, ob bei uns eine Treppenleiter abgegeben worden ist. Damit konnten wir leider nicht dienen.
Wie reagieren die wenigen, die ihr verloren geglaubtes Eigentum abholen?
Obst Die sind alle sehr erstaunt und meistens auch erfreut. Das gilt vor allem für Leute, die ihren Schlüssel wiederbekommen. Anders sieht es bei Fahrradbesitzern aus. Da habe ich öfters das Gefühl, sie hätten ihr Rad lieber nicht zurück bekommen.
Angelika Ritzka führte das Gespräch.
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