Nettetal: Guck mal Baustelle
VON ANGELIKA RITZKA - zuletzt aktualisiert: 22.10.2009Nettetal (RPO). Wo gearbeitet wird, sind Zuschauer nicht weit. So gehören zu jeder guten Baustelle die Baustellengucker. Sehen und gesehen werden ist derzeit auf der Marktstraße in Lobberich ein echtes Erlebnis.
Der Lobbericher guckt nicht. Allenfalls ein bisschen, von der Seite, im Vorbeigehen. "Ist das immer noch ein Loch?", wundert sich ein Mann im Vorbeihasten. Seine Frau schlägt nach ihm einen kleinen Bogen zur Absperrung. Ein kurzer Blick, das ist alles. Da können noch so viele Bagger buddeln, da kann es laut rumsen und das Loch in der Erde beeindruckend tief sein. An der Baustelle an der Ecke Marktstraße/Hochstraße muss jeder vorbei, der zu Fuß oder mit dem Rad in die Innenstadt will. Ein Sammelpunkt für Baustellengucker ist sie bislang trotzdem nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es die Sonne vormittags nicht zwischen die Häuserreihen bis zu den Passanten schafft. Zu den Schatten kommen zugige Ecken und wenig gute Plätze zum Verweilen. Der Ort des Geschehens ist großzügig abgesperrt. Allein vom Gehweg vor Haus 29 haben Gucker einen guten Blick auf arbeitende Männer an Rohrgewimmel. Doch ein längerer Aufenthalt hier könnte den Verdacht schüren, man versuche in Wirklichkeit gerade eine schwerwiegende persönliche Finanzkrise zu meistern: Haus 29 beherbergt die Awo-Schuldnerberatung, und genau hier endet auch der Bürgersteig. Wer sich stattdessen schräg gegenüber vor Tchibo postiert, sieht nicht viel, erntet aber jede Menge böse Blicke von Räder schiebenden Rentern, die nur den Herumlugernden und in ihm ein Hindernis sehen. Nicht aber die Baustelle.
Über Baustellengucker
Erfahrung "Alle geben Kommentare ab", so Hubert Franzuijlen. "Sie haben das alles schon mal gemacht – auf ganz bestimmte Art."
Die Typen "Es kommen immer die selben. Die Gutgelaunten haben immer gute Laune. Die Meckerer meckern immer."
Regel An Dorfbaustellen wird mehr geguckt als in Städten. Je größer die Städte, desto weniger Baustellengucker.
Dabei sind es doch gerade sie, die hier stehen sollten. Der typische Baustellengucker ist männlich, Ruheständler, hat viel Zeit, noch mehr Wissen und bringt das gern fachsimpelnd an den Mann. Das sind meist andere Herren im Ruhestand mit viel Zeit und Ahnung.
Die Lobbericher Rentner aber haben offenbar viel zu tun – Besorgungen machen. Gut, dass sie dabei den Nachwuchs hüten. Die Enkel, jung, männlich, noch weit vom Ruhestand entfernt, zeigen begeistert auf den Bagger, der Schaufel um Schaufel Sand aus dem Erdreich auf einen Laster hievt. Sie wollen Baustelle gucken. Die Opas parken die Buggys gehorsam in Reihe an der Absperrung und schauen in die Luft. Die Enkel gucken stumm Baustelle. Fachsimpeln können sie noch nicht. Und so lange bleiben, wie sie möchten, auch nicht: Sobald Mama oder Oma mit den Einkäufen auftauchen, hat es sich ausgeguckt. Abfahrt im Buggy.
So bekommt auch keiner mit, wie der zweite Bagger aufröhrt und mit der Schaufel auf die im Erdreich stakenden Metallträger einhaut. Das Geräusch vibriert im ganzen Körper. Die Bauarbeiter spüren das ganz genau – und auch, was um sie herum geschieht. Etwa, wenn sie bei der Arbeit beobachtet werden. "Natürlich nehmen wir die Gucker wahr, da sind wir dran gewöhnt", sagt Schichtleiter Hubert Franzuijlen. "Wir achten nicht auf sie." Die Baustelle in der Marktstraße sei noch zu neu, als dass sich bereits ein Stammpublikum gebildet hätte, das den Fortgang der Arbeiten begleitet und kommentiert. "Mit der Zeit lernt man sich kennen, und das ist auch wichtig", sagt der Schichtleiter, meint damit aber eher die Anwohner und Geschäftsleute. Einen handfesten Grund, warum so wenig Zuschauer an der Baustelle stehen, nennt er auch: "Ich schicke die Leute immer weg." Das sei reines Sicherheitsdenken. An den besten Guckstellen sei es zu gefährlich. Verletzt sich ein Zuschauer, haftet die Firma. So weit soll es erst gar nicht kommen.
Während Hubert Franzuijlen noch erklärt, schiebt sich ein kleiner Mann mit Hut an die Baustelle heran. Er ist ganz offensichtlich Rentner, hat viel Zeit und noch mehr Interesse. Vor Haus 29 bückt er sich tief hinunter Richtung Loch. Franzuijlen lässt ihn gewähren. Ausnahmsweise. Der erste echte Baustellengucker von Lobberich ist da.
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