Nettetal: Hertie-Insolvenz eine Chance
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 01.08.2008Nettetal (RPO). Geschäftsführer Christian Blum ist zuversichtlich, dass das Warenhaus in Lobberich jetzt überleben kann. Dem britischen Hauptinvestor Dawney Dawn ging die Puste aus. Bürgermeister Wagner will Einzelhandel erhalten.
Der vorläufige Insolvenzantrag der Warenhauskette „Hertie“ ist nach Auffassung von Christian Blum, dem Leiter der Niederlassung in Lobberich, eine große Chance. „Der Betrieb geht weiter. Wir sind jetzt wieder sehr zuversichtlich“, sagte er gestern.
Seit Beginn des Jahres hatte es wachsende Gerüchte um finanzielle Probleme des britischen Hauptinvestors Daney Dawn gegegeben. Er hatte bundesweit 74 ehemalige Karstadt-Warenhäuser (Karstadt kompakt) in Mittel- und Kleinstädten in sein verschachteltes Imperium übernommen, als KarstadtQuelle in Turbulenzen geraten war.
Neue Schwierigkeiten
Der Rettungsanker hielt die Warenhäuser jedoch nicht auf Kurs, sondern zog sie in neue finanzielle Schwierigkeiten. Hertie zahlte nun extrem hohe Mieten für die Immobilien, die über eine niederländische BV gesteuert wurden. Dahinter steckte die Strategie der Wertschöpfung aus Immobilien mit solventem Mieten. Die weltweite Immobilien- und Finanzkrise sowie der schwierige deutsche Einzelhandel machten daraus ein saftige Fehlspekulation.
Kaufhaus-Chronik
1977 Karstadt eröffnet an der von-Bocholtz-Straße ein Warenhaus.
2002 Das Haus feiert 25-jähriges Bestehen mit 50 Mitarbeitern.
2004 KarstadtQuelle kündigt den Verkauf von 77 der 181 Warenhäuser an. Noch 45 Mitarbeiter sind beschäftigt.
2005 Der Verkauf ist vollzogen, es gibt die Karstadt Kompakt GmbH.
2006 Ab 1. März heißt das Warenhaus „Hertie“.
2008 Hertie steht vor der Insolvenz. Noch 23 Mitarbeiter sind beschäftigt.
Am Mittwoch scheiterten Bürgschaftsgespräche der Geschäftsführung im NRW-Wirtschaftsministerium, abends gab Dawney Dawn dem Aufsichtsrat bekannt, kein weiteres Geld mehr locker zu machen – die Briten waren zu diesem Zeitpunkt schon vermögenslos. Gestern wurde daraufhin vorläufiger Insolvenzantrag gestellt.
Die 23 Mitarbeiter im Lobbericher Haus haben die Juli-Gehälter bekommen. Es bleibt eine Frist von drei Monaten, die Kette neu aufzustellen. Dem Wirtschaftsministerium liegt eine neue Konzeption der Warenhauskette vor, die als tragfähig für die Zukunft gilt. Nun könnte die bisher verweigerte Bürgschaftszusage weitere Kredite bei Banken locker machen. Die Zentrale habe gestern mitgeteilt, der Betrieb gehe weiter, sagte Blum. Weil Lieferanten Depotware zurückhielten, klafften im Lobbericher Sortiment unübersehbar Lücken. „Jetzt liefern sie wieder, und wir machen Umsatz. Wir nehmen jetzt alles mit, was kommt“, so der Geschäftsführer.
Bürgermeister Christian Wagner und der CDU-Wirtschaftsexperte im Landtag, Christian Weisbrich, hoffen, dass ein gerichtlich bestellter Insolvenzverwalter die Warenhauskette weiterführt. „Es gibt nichts mehr zu zerschlagen“, so Weisbrich. Die Stadt will verhindern, dass das Warenhaus an der von-Bocholtz-Straße geschlossen wird. „Das wäre für die Stadtentwicklung und den Einzelhandel in Lobberich eine Katastrophe“, erklärte der Bürgermeister. Dort müsse Einzelhandel fortgesetzt werden. Lobberich habe im Vergleich zu anderen Standorten „beachtliche Entwicklungspotenziale“ zu bieten. In der Entwicklung eines neuen Einkaufszentrums in der Nachbarschaft ist „Hertie“ ein wichtiger Baustein. KOMMENTAR
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