Nettetal: Jung, schwanger, Mutter
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 25.06.2008Nettetal (RPO). Mit einem neuen Info-Faltblatt will das Team um Streetworkerin Marie-Luise Hellekamps auf das Hilfsangebot für junge Mütter hinweisen. Doch noch vieles liegt im Argen: Die nächsten „Karnevalskinder“ kommen bestimmt.
Joy-Melissa kugelt vergnügt auf dem Boden herum. Der kleine Jan mustert die Welt mit großen, interessierten Augen. Linnea hingegen plärrt lauthals, wie es einem im Alter von zehn Monaten auch durchaus mal zusteht. Drei Babys, drei sich ähnelnde Biographien – fast ist man geneigt zu sagen, Schicksale. Denn ihre Mütter sind fast selbst noch im Kindesalter.
„Geplant war das bei keiner von uns“, erzählt Sarah Stockbrink. Die heute 17-Jährige wurde trotz Verhütungsspritze schwanger, merkte erst im vierten Monat, dass sie es war – „mit meiner Regel war alles normal.“ Der Vater des Kindes machte sich prompt aus dem Staub. Ähnliche Erfahrungen machten auch Lisa Schwerke und Corinna Ix. „Auch der Freundeskreis löst sich schnell auf“, pflichtet die 20-jährige Corinna bei. „Plötzlich wird man nicht mehr zu Partys eingeladen.“
Anlaufstellen
Müttertreff Jeden Mittwoch ab 14.30 Uhr, im Büro von Marie-Luise Hellekamps, Breyeller Straße 106. Dort wird über Probleme geredet, gekocht, geklönt, demnächst folgt ein Mütterstammtisch.
Kontakt Telefon 0177 821 31 97 (Frau Hellekamps), 02162 503330 (Schwangerschaftskonfliktberatung von Donum Vitae).
Flyer wird demnächst in der Stadt verteilt, u.a. bei Frauenärzten.
Keine umfassenden Statistiken
24 alleinerziehende und alleinlebende Mütter unter 21 Jahren gebe es derzeit in Nettetal, sagt Monika Ioannidis, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. „Und da sind die, die bei ihren Eltern leben, noch nicht mit erfasst.“ Zehn von ihnen treffen sich jeden Mittwoch in einer Müttergruppe unter den Fittichen von Marie-Luise Hellekamps. „Die Idee entstand letztes Jahr, als wir erstmals einen Geburtsvorbereitungskursus für junge Mütter anboten“, sagt die Streetworkerin.
Mit einem neuen Flyer, der im Stadtgebiet verteilt werden soll, will das Team um Hellekamps jetzt noch mehr Aufmerksamkeit auf das Los der jungen Mütter und ihrer Kinder lenken – und auf die Hilfestellungen hinweisen, die es für sie gibt. Das Motto: „Wir wollen dir helfen, positiv in die Zukunft zu blicken.“ Die Streetworkerin hat ein regelrechtes Hilfs-Corps um sich geschart, unter anderem zwei Hebammen, um den Mädchen den Weg durch das Dickicht von Rechten und Pflichten zu bahnen.
Auf sich alleine gestellt, stünden die jungen Mütter oft auf verlorenem Fuße – „die Ämter nehmen einen dann nicht ernst“, sagt Corinna Ix. Und: „Dass eine Schwangere eine Bedarfsgemeinschaft bildet und Anrecht auf Geld hat, weiß so mancher Sachbearbeiter der Arge offenbar nicht“, so Hellekamps.
Die drei Mädchen blicken nun nach vorn. Sarah etwa will ihren Hauptschulabschluss nachholen, Lisa nach einem Jahr Pause am Berufskolleg den Realschulabschluss: „Normale Schulen wollen mich nicht mehr.“ Hellekamps bereitet sich unterdessen auf die nächsten Babys minderjähriger Mütter vor. Die Karnevalskinder kommen. Der profane – und traurige – Grund: „An Karneval waren uns die Kondom-Spenden ausgegangen.“
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