Nettetal: Kampf um den Zähler
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 14.10.2008Nettetal (RPO). Ab 2012 soll der elektronische Stromzähler eingeführt werden. Kunden können dann per PC täglich ablesen, wie viel Strom sie verbrauchen. Den Stromlieferanten könnten andere Unternehmen das Geschäft streitig machen.
Die Aussicht ist für den verbraucher verlockend: Man kommt nach der Arbeit in die Wohnung, fährt den PC hoch und sieht nach, wie viel Strom im Haus verbraucht worden ist. Nicht genug. Es soll sogar möglich sein, den Verbrauch in einzelnen Wohnräumen oder gar einzelner Elektrogeräte abzulesen. „Die Zielrichtung ist richtig“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Nettetal, Norbert Dieling. „Aber die Umsetzung ist fragwürdig.“
Die EU will den Wettbewerb auf dem Energiemarkt vorantreiben und vor dem Hintergrund der zuletzt extrem gestiegenen Preise den bewussten Umgang mit Energie fördern. Erlassen hat sie daher die Energieeffizienz-Richtlinie. Sie sieht unter anderem vor, dass dem Verbraucher künftig „intelligente“ Stromzähler ausgeliefert werden. Der Verbraucher soll ständig ablesen können, wie viel Strom er wo verbraucht.
Messen und lesen
Aufwand Gemessen wird der Stromverbrauch viertelstündlich. Die Stadtwerke müssten künftig von 96 Messungen an 30 Tagen für 25 000 Stromzähler vornehmen.
Messgeräte Zähler, die Strom, Gas und Wasser elektronisch messen können, gibt es zurzeit nicht. Ein Teil der Daten müsste weiterhin zu Fuß eingeholt werden.
Leistung Es gibt bereits elektronische Zähler, die sich permanent selbst überwachen können.
Datensammlung per Turnschuh
Dieling begrüßt dies ausdrücklich. Allerdings lässt die Umsetzung bisher noch viele Fragen offen. „Es ist beispielsweise nicht geklärt, wie der Stromlieferant an die Daten kommt. Heute holen wir die Daten quasi per Turnschuh herein: Von uns beauftragte Ableser gehen in die Haushalte. Wie die technische Lösung für uns demnächst aussehen wird, weiß ich nicht, weil es noch keine Kommunikationswege gibt.“ Idealisten möchten gerne, dass der Stromverbrauch monatlich abgelesen und abgerechnet wird. Davor warnt Dieling. „Ich weiß nicht, ob jeder Bürger in der Lage ist, die im Winterhalbjahr deutlich höheren Verbrauchsdaten mit Monatsrechnungen zu stemmen.“ Außerdem werde der Aufwand erheblich steigen und sich in den Rechnungen niederschlagen.
Ab 2010 muss jeder Stromlieferant einem Neukunden die neuen elektronische Stromzähler zur verfügung stellen. Ab 2012 müssen die Zähler dann komplett ausgetauscht werden. Für Nettetal bedeutet dies den Austausch von etwa 25 000 Zählern. In diesen Markt drängen aber inzwischen auch andere Unternehmen. Messdienstleister (beispielsweise Techem oder Brunata) dürften da ein neues Geschäftsfeld für sich entdecken. Denn die Zählerbetreuung ist den Stromlieferanten nicht vorbehalten. „Hier wird es einen neuen Wettbewerb geben“, vermutet Dieling.
Zurzeit wird in Deutschland übrigens an einem hochkomplexen und wohl auch komplizierten Messsystem herumgetüfelt. Dieling hält das für überflüssig. Es gebe Hersteller in der Schweiz, die schlichtere Zähler anböten, in Italien wird das System bereits in Eigenentwicklung angewandt. Dieling schwant, dass das Thema „typisch Deutsch“ umgesetzt wird. „Die bauen ein Ding, als wollten sie damit zum Mars fliegen.“
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