Nettetal: Kinder fühlen sich deklassiert
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 28.02.2009Nettetal (RPO). Die Gesamtschule Nettetal musste in diesem Jahr 124 angemeldete Kinder abweisen, weil der Stadtrat dies so will. Die Schule darf jährlich nur 120 Schüler aufnehmen. In Familien staut sich eine Mischung aus Frust und Wut auf.
In den vergangenen Wochen haben sich in vielen Nettetaler Familien wahre Dramen abgespielt. Die Gesamtschule musste in diesem Jahr 124 Schüler abweisen. Sie darf jedes Jahr nur 120 Kinder aufnehmen, weil der Rat dies bei der Gründung der Schule zu Beginn der 1990er-Jahre beschlossen hat. Unter den Eltern wächst die Empörung. "Es kann nicht angehen, dass Jahr für Jahr die Hälfte der Kinder, die angemeldet werden, die Gesamtschule nicht besuchen dürfen", sagt Angelika Rohne.
Ihr Sohn Arian erhielt eine Absage. "Er kann das nicht verstehen, und das ergeht vielen Kindern so. Sie fühlen sich aussortiert, als Kinder zweiter Wahl. Sie müssen nun in eine Schule gehen, die sie nicht wollen", klagt sie. Der Frust sitzt in den Familien tief. Heike Geppert hat ihre persönliche Enttäuschung mühsam kaschiert, um ihrem Sohn Julian die andere Schule nahe zu bringen. "Das ist schwer, denn er hat sich so auf die Gesamtschule gefreut", sagt sie. Ihre Tochter ist von der Realschule in die Oberstufe der Gesamtschule gewechselt, Julians älterer Bruder hatte das Glück, im Nettetaler Bildungslotto der Gesamtschule zugelost zu werden.
Abgewiesen
Zugelassen sind 120 Schüler pro Jahrgang. Seitdem die Schule Gemeinsamen Unterricht anbietet, gibt es vier Plätze für Behinderte.
Abgewiesen hat die Schule seit
2002 91 Schüler
2003 96 Schüler
2004 122 Schüler
2005 111 Schüler
2006 99 Schüler
2007 116 Schüler
2008 150 Schüler
2009 124 Schüler
Keineswegs familienfreundlich
"Das hat weder etwas mit Familienfreundlichkeit noch mit einer Bildungsoffensive zu tun", erregt sich Manuela Schmülling, deren Sohn Markus ebenfalls eine Absage erhielt. Sie hege erheblichen Zweifel, dass die für den Sperrbeschluss verantwortlichen Politiker jemals selbst in solche Nöte geraten seien. "Die haben ihre Kinder bestimmt alle gut untergebracht und die Hauptschule, die sie über den grünen Klee loben, vermutlich als Eltern nie von innen gesehen."
Einige Mütter betonen ausdrücklich, dass die Hauptschule in Kaldenkirchen gute Arbeit leiste. "Aber es wird für Zehnjährige eine Weiche gestellt, die das ganze Leben bestimmt. Wer mit einem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz haben will, hat immer das Nachsehen, weil Gymnasiasten, Gesamt- und Realschüler vorgezogen werden", ist Stefani Nyskens sicher. Ihre Tochter Zoe hat sie vergeblich in Breyell angemeldet.
Swetlana Wiersch hat für ihre ebenfalls abgewiesene Tochter Anna-Marina einen Entschluss gefasst: Das Kind wird keine weiterführende Schule in Nettetal besuchen. Sie hat es an der Waldorfschule in Heinsberg angemeldet. Das Opfer des weiten Weges und monatliche Schulgeldzahlungen von mehr als 500 Euro nimmt sie in Kauf. "Dafür gehe ich zusätzlich arbeiten", sagt sie entschlossen. Die Ukrainerin lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Sie liebt und schätzt ihre neue Heimat außerordentlich. "Aber das Bildungssystem, dass Kinder als zweitklassig aussortiert anstatt sie zu fördern, wie es in den Ländern mit guter Pisa-Note üblich ist, ist eine Katastrophe." KOMMENTAR/ FRAGE DES TAGES
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