Nettetal: Lehm verbindet
VON INGE VON DEN BRUCK - zuletzt aktualisiert: 28.10.2010Nettetal (RPO). Nettetaler Gymnasiasten und belgische Austauschschüler aus Brügge lernten von Antonius Kiwall auf dem Naturschutzhof in Lobberich Grundlagen einer alten Bautechnik. Heute wird Lehm wieder häufiger eingesetzt.
Während Janine, Shannen und Tine die matschige Lehm-, Wasser- und Strohmasse im Spießkübel noch einmal kräftig durchmengen, sind ihre Klassenkameradinnen Katrijn und Anna dabei, ein Flechtwerk aus Weidenstöcken zu bauen. Erst zögerlich, doch dann mit immer mehr Spaß und Elan sind schließlich deutsche wie belgische Schüler bei der Sache. Nach gut 30 Minuten ist die Lehmwand fertig. "Als Wetterschutz kommt im Normalfall ein Kalkputz drauf, doch das ersparen wir uns jetzt", erläutert Antonius Kiwall, geprüfter Restaurator im Maurerhandwerk.
Idee beim Austausch
Einen Tag lang hatte er Schülern des Nettetaler Werner-Jaeger-Gymnasiums und belgischen Austauschschülern aus Brügge auf dem Naturschutzhof den Baustoff Lehm näher gebracht. "Die Idee kam beim letzten Austausch. Wir kamen mit dem Baustoff Lehm am Rande eines Besuchs auf dem Naturschutzhof in Berührung", so der belgische Lehrer Rick Spitaels. "Lehm ist das älteste und massivste Baumaterial. Früher wurde Lehm für den Massivbau als Baustoff und als Verputzmaterial für Fußböden betrachtet", erklärt Antonius Kiwall.
Was noch wichtig ist
Fachmann Der in Bracht lebende Maurermeister Antonius Kiwall ist ausgewiesener Fachmann in der Denkmalpflege. Für die Rekonstruktion der Tordurchfahrt der ehemaligen Baumwollspinnerei Goeters in Viersen wurde er bei einer Fachtagung in Leipzig geehrt.
Lehm Zement und Gips verdrängten Lehm vor Jahren aus dem Bauhandwerk. Der natürliche Baustoff hat aber wesentlich bessere und gesündere Eigenschaften.
Zuvor hatte die Gruppe das Strohballenhaus auf dem Naturschutzhof besichtigt. "Das ist aber altmodisch, hier kann man nichts aufhängen", stellen die Schüler fest. "Zum Immer-Drin-Wohnen wäre das nichts für mich, das ist nichts für zivilisierte Menschen", meint die belgische Schülerin Anna fest. Anton Kiwall klärt sie auf: "An den Wänden halten auch Nägel, und was da aussieht wie eine Trollhütte aus ,Herr der Ringe', ist massiv gebaut und komplett kompostierbar", so der Fachmann. Heute sei Lehm wieder zum Bauen von Einfamilienhäusern entdeckt worden, "Lehm gleicht beispielsweise die Raumfeuchtigkeit aus", erläutert Kiwall, der von der alten Handwerkstechnik fasziniert ist. Die Arbeit mit Lehm sei sehr angenehm, "die Hände werden ganz weich, die Haut wird glatt und geschmeidig", erzählt er.
Wie die klassische Methode zum Fachwerkbau verwendet wird, konnten Gast- sowie Austauschschüler im praktischen Teil des Naturunterrichts ausprobieren. Florian Witter, Leiter der Bio-AG am Werner-Jaeger-Gymnasium, und Verena Liebscher, die Deutsch und Niederländisch unterrichtet, unterstützen die Gruppe. Beide haben offenkundig selbst großen Spaß dabei, das Flechtwerk mit dem Gemisch zu "bewerfen".
Heute schon wieder "normal"
"Lehm ist keineswegs eine exotische Art des Bauens, sondern in der heutigen Zeit wieder ganz normal", berichtet Antonius Kiwall. Und wenn die Schülerinnen und Schüler wieder nach ihrem Aufenthalt in Nettetal nach Brügge zurückfahren, können sie viel erzählen. Denn von dem Schüleraustausch bringen sie auch praktische Erfahrungen mit nach Hause. FRAGE DES TAGES
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