Nettetal: Missbrauchs-Skandal: Ein Bistum in der Lernphase
VON FRANK SCHLIFFKE - zuletzt aktualisiert: 14.07.2010 - 11:13Nettetal (RPO). Vorrangig Lobbericher und Hinsbecker waren nach Viersen gekommen, um mit Vertretern des Bistums Aachen über den Umgang mit dem Fall des Pfarrers Georg Kerkhoff durch die Amtskirche zu diskutieren.
Pfarrer Heiner Schmitz ist der Personalchef für alle pastoralen Mitarbeiter im Bistum Aachen. In dieser Funktion stellte er sich im Viersener "Haus der Caritas" einer Diskussion mit dem Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch Priester". Tatsächlich wurde die Veranstaltung, zu der das Bistum eingeladen hatte, zu einem Abend, an dem beinahe jeder Redebeitrag aus dem Publikum in Vorwürfe gegen das Verhalten der Amtskirche im Fall des früheren Lobbericher Pfarrers Georg Kerkhoff mündete.
Rund 80 Interessierte waren gekommen, die meisten von ihnen aus Lobberich und Hinsbeck, wo Kerkhoff bis Ende 2006 wirkte. Detailliert schilderte Schmitz die bereits bekannten Vorgänge, angefangen mit einem anonymen Schreiben mit Hinweisen auf Saunagänge des Pfarrers mit Jugendlichen bis zur Suspendierung nach der Anklageerhebung in Südafrika.
Ermittlungen
Südafrika In Südafrika steht Georg Kerkhoff wegen des Verdachts auf sexuelle Übergriffe gegen Jungen aus der katholischen deutschen Gemeinde Johannesburg vor Gericht. Er bestreitet die Vorwürfe.
Deutschland Gegenüber der Staatsanwaltschaft Krefeld hat der Priester mehrere Übergriffe in seiner Zeit im Bistum Aachen gestanden. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.
Er habe den Brief zu den Saunagängen nicht als Anzeichen für Übergriffe gewertet, sagte Schmitz. Immerhin sei dem Pfarrer verboten worden, mit Gemeindemitgliedern gleich welchen Alters im privaten Rahmen zu schwitzen. Mit den Vorgängen in Südafrika sei das Bistum Aachen nicht befasst gewesen, Kerkhoff habe bis Ende Mai der Zuständigkeit des kirchlichen Auslandssekretariats unterstanden.
Dem Bistum sei sein Aufenthaltsort bekannt. Er erhalte eine Unterstützung von 1100 Euro monatlich, wie bei suspendierten Priestern üblich. Das Bistum beteilige sich allerdings nicht an den Anwaltskosten. Eine "Voruntersuchung" laufe, wenn die Vorwürfe sich bestätigen, werde er aus dem Klerikerstand entlassen.
Im Lauf der Diskussion beklagten ehemalige Kirchenvorstände, dass sie nie informiert worden seien. Im Fall eines Missbrauchsopfers, das sich später an das Nachrichtenmagazin Spiegel wandte, sei Personalchef Schmitz trotz eines Anrufes Monate vor der Veröffentlichung untätig geblieben. Die Mutter eines Opfers aus der deutschen Gemeinde in Johannesburg schilderte, wie deutsche Kirchenvertreter die Familien ausgegrenzt und allein gelassen haben.
Johannes Heibel, Vorsitzender der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, sagte, die Kirche lasse die Opfer allein. Das Bistum habe lange Zeit Hinweise auf Übergriffe nicht erkannt, im Gegenzug aber die Gemeinden vor seinen Recherchebemühungen gewarnt.
Schmitz verwies auf entsprechende Richtlinien und Anlaufstellen, gerade werde eine Missbrauchsbeauftragte berufen. Die Kirche betreibe seit 21 Jahrhunderten erfolgreiche Jugendarbeit. Hinsichtlich des Umgangs mit übergriffigen Priestern befinde man sich zurzeit in einer Lernphase, so Schmitz.
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