Nettetal: Mit Frostschutz im Blut
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 01.03.2010Nettetal (RPO). Intensiver Frost tötet Ungeziefer ab, ist eine landläufige Meinung. Aber das ist ein Irrtum. Bei uns heimische Tiere haben die Wintermonate überlebt, berichtet Peter Kolshorn von der Biologischen Station.
Nach landläufiger Meinung erwartet die Menschen ein weitgehend von Ungeziefer freies Jahr. Der lange Winter mit anhaltenden Frostperioden hat Mücken, Wespen und vielen anderen Insekten so zugesetzt, dass ihre Bestände dezimiert sein müssten. Diese landläufige Meinung aber ist falsch. "Man meint, dass sie absterben, aber das ist nicht so", erklärt Peter Kolshorn von der Biologischen Station Krickenbecker Seen.
Warum sich das Märchen vom Winter, der Ungeziefer abtötet, so hartnäckig hält, weiß der insektenkundige Biologe nicht. "In unseren Breiten lebende Tiere sind winterfest. Das gilt für Vögel und Säugetiere ebenso wie für Kleintiere aller Art, inklusive der Insekten", sagt er. Heimische Tiere haben Strategien gegen Kälte entwickelt.
Überlebenskünstler
Borkenkäfer Der Baumschädling kommt besonders gut durch den Winter. Er hat nämlich mehrere Mechanismen entwickelt. Sobald es kalt wird, fährt der Käfer seinen Stoffwechsel herunter.
Glykol Der Käfer lagert außerdem den Alkoholstoff Glykol in seine Zellen ein. Dadurch verhindert er, dass seine Zellen bei Frost platzen oder spitze Eiskristalle das Gewebe zerstören. Dank dieser Eigenschaften hält er Minustemperaturen bis 50 Grad aus.
Bewegungslos im Keller
Bestimmte Insekten überwintern beispielsweise sicher auch vor eisiger Kälte in Eiern. Und wer sich in oder an seinem Haus einmal genau umschaut, wird Stechmücken entdecken, die in frostgeschützten Winkeln an Kellern, Garagen und ähnlichen Bereichen sitzen. Ihnen reichen Temperaturen von fünf bis zehn Grad. Der Organismus stellt sich auf Kälte so ein, dass die Tiere sich nicht bewegen können, aber bei einsetzender Frühlingswärme das aktive Leben in sie zurückkehrt.
"Zecken und Spinnen habe eine ganz erstaunliche Fähigkeit zu überleben. Sie haben ein regelrechtes Frostschutzmittel im Blut, das es ihnen erlaubt, auch niedrige Minusgrade zu überstehen", berichtet Kolshorn. Andere Insekten haben sich verpuppt und sind geschützt vor Kälte. Falter, Florfliegen, Marienkäfer und andere Insekten haben sich mit Winteranfang in Häuser zurückgezogen. Sie überleben in alten Dachstühlen auf Speichern oder auch in Scheunen und Ställen.
Diese Lebensräume haben in den vergangenen Jahren allerdings erheblich abgenommen. Je weniger Energie die Menschen verbrauchen wollen, desto hermetischer werden Häuser gegen äußere Einflüsse abgeriegelt. "Man ist aus verständlichen Gründen bemüht, alles dicht zu machen, entzieht damit aber auch wichtigen und wertvollen Kleintieren die Grundlage fürs Überwintern", berichtet Kolshorn. Spürbar zurückgegangen sind in den vergangenen Jahren einige Schmetterlinge. Der "Kleine Fuchs" war bis vor einigen Jahren noch ein wunderschöner Allerweltsfalter. Jetzt ist er eine Rarität.
Tiere, denen der Winter zugesetzt hat, werden zusätzlich Nachwuchs produzieren. Das gilt für Insekten ebenso wie für Eisvogel oder Schleiereule. Solche Tiere brüten einmal mehr als üblich. Wirkliche Verlierer dürften dagegen jene Tiere sein, die im Zuge der klimatischen Veränderungen von Süden her aufgerückt sind oder die aufs Überwintern in südlichen Regionen verzichtet haben. Dazu zählt nach Kolshorns Meinung beispielsweise die Mönchsgrasmücke, eine Vogelart.
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