Nettetal: Nicht ins Blaue ausbilden
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 16.04.2008Nettetal (RPO). Die Stadtverwaltung Nettetal nimmt nur Lehrlinge, die sie später übernehmen kann. Die SPD fordert, über den Bedarf hinaus auszubilden. Bürgermeister Wagner lehnt ab: Die Wirtschaft nehme keine Verwaltungsmitarbeiter.
Um die Ausbildungsleistung der Stadt Nettetal ist eine Diskussion entbrannt. Die SPD fordert erhöhte Anstrengungen der Stadtverwaltung. Sie kritisiert die Strategie im Rathaus, nur so viele junge Leute zu Beamten und Angestellten auszubilden, wie die Stadt selbst übernehmen kann.
Dies kann der Erste Beigeordnete Armin Schönfelder nicht nachvollziehen. „Wenn man jungen Leute die Übernahme nach der Ausbildung garantiert, dann ist das mehr als andere leisten können. Über die von der SPD reklamierte Quote ließe sich trefflich streiten. Die Stadt Kempen hat über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet, übernimmt die Mitarbeiter aber nur befristet und für halbe Tage.“
Ausbildung in Zahlen
Einstellungen Bis 2005 hat die Stadt jährlich drei bis vier Ausbildungsverträge geschlossen, darunter stets für einen Beamtenanwärter. 2006 wurden einer, 2007 zwei und in diesem Jahr werden drei Auszubildende eingestellt.
Töchter Die Stadtwerke bilden ebenfalls aus, in teilen gemeinsam mit der RWE AG. Auch das Krankenhaus bildet nennenswert Nachwuchs in Krankenpflege und beispielsweise einen Koch aus.
Wirtschaft ist abweisend
Davon ist Bürgermeister Christian Wagners Kollege Karl Hensel schon abgerückt. „Wer in der öffentlichen Verwaltung ausgebildet wurde, hat sonst kaum eine Chance. Das über den Kreis gesteuerte Auswahlverfahren ist so selektiv, dass ausgezeichnete Schulabgänger zu uns stoßen. Sie fänden auch woanders leicht eine Lehrstelle, kommen aber nach der Verwaltungsausbildung nicht in der freien Wirtschaft unter“, so Wagner. Tragisch sei beispielsweise, dass im Kempener Rathaus Bürokaufleute ausgebildet wurden. Die Wirtschaft reagierte auf Bewerbungen abweisend. „Der Übergang ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich“, sagt Wagner. Er wolle Jugendlichen mit so guten Perspektiven nicht zwei Jahre ihres Lebens nehmen.
In Nettetal wird derzeit eine Ausbildungsalternative geprüft: Wer seine Angestelltenausbildung ordnungsgemäß nach drei Jahren abgeschlossen hat, soll über ein halbjähriges Praktikum in der freien Wirtschaft auch den Abschluss eines klassischen Bürokaufmanns haben. „Das muss in Details noch geprüft und analysiert werden. Wir warten auch darauf, wie die Wirtschaft einen solchen Weg beurteilt“, so Wagner und Schönfelder.
Die Stadt ist nach 1999 von einer üblichen anderen Praxis abgerückt. Es gab früher die Forderung, berufsbegleitend, während der üblichen Dienststunden und finanziert durch die Stadt, einen Angestelltenlehrgang zu besuchen (A 2-Lehrgang). Mit Blick auf den Stellenplan verzichtete Nettetal auf diese Forderung. Wer weiter kommen will (was im neuen Tarifsystem so nicht mehr erforderlich ist, nun reicht langjährige Erfahrung aus), belegt eigenständig freitags nachmittags und samstags für drei Jahre den Lehrgang, den er selbst zahlen muss (rund 4000 Euro). Die Stadt kommt diesen Mitarbeitern mit Sonderurlauben und Kostenbeiträgen entgegen. „Wir fördern gezielt alle Mitarbeiter, die den gehobenen Dienst anstreben“, unterstreicht Wagner.
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