Nettetal: Noch nicht der Schwarzwald
VON JOCHEN SMETS - zuletzt aktualisiert: 15.05.2009Nettetal (RPO). Kann Tourismus die Wertschöpfungs-Lücke schließen, die der Rückzug der Industrie aus der Fläche hinterlässt? Dies war Thema des Grenzlandgesprächs der VHS in Zusammenarbeit mit der RP. Die Antwort heißt: Ja, aber.
Krise und Chancen
Krise Im Zuge der Wirtschaftskrise klagen die Hotels über deutlich weniger Geschäftsreisende und Seminarbuchungen. Allerdings deutet sich leise ein Trend an: Aufgrund der Krise specken viele beim Zweiturlaub ab und bleiben in der Heimat. Bei 2-Land und in der Hotellerie gibt es erste Anzeichen dafür, so Martina Baumgärtner und Christian Jäger.
Floriade Impulse für den Tourismus am Niederrhein werden von der Floriade 2012 in Venlo erwartet. Diese "Weltgartenbauausstellung" wird zwei Millionen Besucher in die Region locken.
Der Niederrhein als touristisches Ziel? Anstinken gegen Schwarzwald und Allgäu, Lüneburger Heide und Mecklenburgische Seenplatte? Warum nicht? Nennenswerte Industrie gibt es in der Region kaum noch. Wie zum Beweis schließt gerade longlife, Nettetals letztes Relikt der einst großen Textilvergangenheit.
Lücke füllen
Die Podiumsteilnehmer Martina Baumgärtner (2-Land), Bart Geurts (Stadt Venlo), Christian Jäger (Hotel- und Gaststättenverband) und Drs. Leo Reyrink (Naturpark Maas-Schwalm-Nette) sind sich einig, dass der Tourismus in die Bresche springen kann. Und, dass es noch viel zu tun gibt. "Der Kreis Viersen ist noch nicht der Schwarzwald, aber wir arbeiten dran", sagte Jäger forsch.
Arbeit gibt es in der Tat noch jede Menge. Denn touristisch gesehen, ist der Niederrhein Entwicklungsland. Wenn Martina Baumgärtner für die Tourismus-Kooperation 2-Land eine der rege nachgefragten mehrtägigen Fahrradtouren verkauft, dann muss sie ihren Kunden drei Fahrradkarten mitgeben. Eine für den nördlichen Niederrhein, eine für den südlichen Niederrhein, eine für die niederländische Seite. Auch einzelne Städte und Gemeinden werkeln mit eigenen Broschüren und Konzepten. Der Niederrhein als touristische Marke ist noch nicht allen Köpfen angekommen. "Wir müssen über den Lokalpatriotismus hinwegdenken", fordert Jäger.
Neidisch schweift der Blick über die Grenze. Dort haben die Niederländer flächendeckend ein Knotenpunkt-System für Radfahrer installiert. Aufwändig im Aufbau, aber genial einfach. "Das wünschen wir uns auch", meint Martina Baumgärtner ein bisschen sehnsüchtig. Ein paar neidische Blicke kommen allerdings zurück. Denn Limburg muss sich ebenfalls touristisch neu orientieren. Die klassische VVV-Struktur scheint sich überlebt zu haben. Gerade wird ein neues Konzept umgesetzt, so Venlos Tourismus-Beauftragter Geurts. Ein Online-Buchungssystem, das 2-Land (www.2-land-reisen.de) erfolgreich vormacht, gibt es nicht. Als kommunales Projekt gestartet, steht 2-Land inzwischen auf eigenen Füßen. Inzwischen taucht der Niederrhein in den Katalogen fast aller großen Reiseveranstalter auf.
Voraussetzungen
Die Voraussetzungen für Tourismus am Niederrhein sind glänzend. Es gibt historische Altstädte, malerische Örtchen, Schlösser, Burgen, Einkaufsmöglichkeiten, ein ordentliches Radwegenetz. Und traumhafte Natur – das ist das Pfund, mit dem gewuchert wird. Reyrink war als langjähriger Leiter der Biostation Krickenbecker Seen einer der Wegbereiter. Zu seinem Auftrag gehörte es, "eine Kulisse zu schaffen, in der die Menschen sich erholen und Natur genießen können". Heute sind Naturschutzgebiete keine Sperrgebiete mehr, sondern Naturerlebnisgebiete.
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