Nettetal: Ohne Arbeit ein Leidensweg
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 09.04.2009Nettetal (RPO). Dirk Köhler (36) hatte vor mehr als acht Jahren einen ganz schweren Autounfall. Seitdem ist er schwerbehindert. Der Lobbericher verlor mit der Arbeit die existenzielle Grundlage. Er kämpft in Wahrheit um seine Würde.
Dirk Köhler ist ein Besessener. Er will arbeiten, er will Leistung zeigen. Sich selbst und anderen etwas beweisen. Bis zum 6. November 2001 hat er das umgesetzt. Mit Volldampf durchs Leben, immer am Limit, immer nach vorne. Nur nicht langsamer werden, das wäre schon ein Rückschritt.
Am 6. November 2001 wurde ihm Einhalt geboten. Auf der Landstraße zwischen Süchteln und Dornbusch geriet er in einer Senke mit seinem Twingo von der Straße und krachte gegen einen Baum. Das Auto war vollkommen zerstört. Dirk Köhler saß am Steuer und flog einige Meter weit aus dem Auto. "Ich war nicht angeschnallt. Das war wohl mein Glück", sagt er.
Was er will
Beruf Dirk Köhler hat Kfz-Mechaniker gelernt, den Beruf aber zuletzt 1992 ausgeübt. Er möchte umgeschult werden zum Büro- oder Industriekaufmann. Bisher bleibt es bei Reha-Maßnahmen.
Halt Bei seinen Eltern, so sagt er, habe er nach dem Unfall den Halt gefunden, der für ihn existenziell wichtig war. Vorher hatte er sich weitgehend von ihnen gelöst.
Dirk Köhler fiele es leichter, alle die Knochen, Organe und Körperpartien aufzuzählen, die nicht gebrochen, zerschmettert und gequetscht waren als jene, die unversehrt blieben. Zwei Monate lag er im Koma, fünf weitere verbrachte er in der Klinik. Er lernte mühsam wieder zu leben, sich zu bewegen, alles das zu gebrauchen, was einigermaßen heil geblieben oder durch ärztliche Kunst repariert worden war.
Der gelernte Kfz-Mechaniker, der vor dem Unfall bei Rokal arbeitete, viel Geld verdiente und viel Geld ausgab, kehrte nach 18 Monaten zurück an seinen Arbeitsplatz. Bis Mai 2005 blieb er bei Rokal, zwischendurch arbeitete er für den Mutterkonzern Hansa. Doch der Unfall war ein Bruch in Dirk Köhlers Leben. Nachhaltiger, als er sich lange eingestehen wollte. Er war beruflich auf dem Weg zum Meisterbrief gewesen und hatte zugleich das Leben genossen. Damals hatte er, auch bekannt als "DJ Oil", für eine Techno-Party am 9. November im Café Heidehaus plakatiert. Ganz oben auf dem von ihm entworfenen Poster stand – im nachhinein in schrecklicher Ironie – "Happy Birthday". Er war auf dem Rückweg, als der Unfall geschah.
Ab November 2005 begab sich der Lobbericher in eine Rehabilitationsschleife, die ständig unterbrochen wurde – durch ihn und durch andere. Mal fühlt er sich wohl, mal reihte sich ein Konflikt an den nächsten. Köhler kam immer weniger damit klar, dass man ihn nicht für voll nehmen wollte. Schritt für Schritt besserte sich seine Hirnleistung, die durch den Unfall gelitten hatte. Er hatte Wortfindungsprobleme, strukturiertes Denken fiel ihm schwer. "Aber ich habe das überwunden. Ich bin heute so weit, das ich nach meinen Möglichkeiten arbeiten kann. Aber man lässt mich nicht", sagt er.
Dirk Köhler klagt inzwischen vor dem Sozialgericht gegen die Deutsche Rentenversicherung Rheinland. Der 36-Jährige wirft ihr vor, sie blockiere seine Rückkehr ins Berufsleben. Er sei "nicht umschulungsfähig", heißt es. Gegen diese empfundene Stigmatisierung will angehen. Einer wie Dirk Köhler ist gewiss nicht einfach. Aber ihn wurmt, "dass letztlich eigentlich niemanden interessiert hat, warum ich etwas nicht konnte". In solchen Fällen wird er unleidlich. "Ich bin arbeitsgeil, und das Nichtstun ist für mich der Horror", sagt er.
So sitzt er in seiner barrierefreien Wohnung, hört Techno und Jazz. Morgens "renne ich täglich, so schnell ich eben kann, rund ums Windmühlenbruch oder das Nettebruch". Köhler rennt gegen die bohrende Untätigkeit an, zu der er sich verurteilt fühlt. "Das kann so nicht weitergehen", sagt er.
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