Nettetal: Praktische Politik erleben
VON ANGELIKA RITZKA - zuletzt aktualisiert: 18.09.2009Nettetal (RPO). Bei einer Podiumsdiskussion stellten sich fünf Bundestagskandidaten den Fragen der Oberstufenschüler am Werner-Jaeger-Gymnasium. 19 Schüler hatten sie organisiert und sich über Monate intensiv mit Politik befasst.
Als die Emotionen schließlich hochkochten, frohlockte der Politiklehrer. "Seht ihr, das ist praktische Politik – kontrovers über ein Thema diskutieren", erklärte René Wallich den 450 WJG-Oberstufenschülern hoch zufrieden. Die hatten gerade miterlebt, wie sich bei der Podiumsdiskussion die Bundestagsabgeordneten Otto Fricke (FDP) und Kai Gehring (Grüne), heftig über das Für und Wider von Gebühren für den Universitätsbesuch beharkten.
Nicht das Lieblingsfach
Wallich, der zusehens in seine Rolle als Moderator hineinwuchs, konnte sich in diesem Moment zufrieden zurücklehnen. "Politik ist nicht das Lieblingsfach der meisten Schüler", hatte er vor der großen Podiumsdiskussion mit Vertretern von CDU, FDP, SPD, Grüne und Linke erklärt. "Mein Ziel ist es, ihnen zu zeigen, dass Politik Spaß machen kann."
Vor der Wahl
WJG-Wahlergebnis CDU: 29,9 %, Grüne: 20,8 %, FDP: 11,2 %, SPD: 9,6 %, Piratenpartei: 9,6 %, Linke: 6,6 %, NPD: 3,6 %, Wahlbeteiligung: 55,3 %
Podium Die Bundestagsabgeordneten Uwe Schummer (CDU), Otto Fricke (FDP), Kai Gehring (Grüne), sowie Kandidat Udo Schiefner (SPD) und Hans-Hermann Föllner (Linke – für Britta Pietsch).
Das schaffte der Referendar nicht nur im kleinen, sondern auch im großen Kreis. Im Mai hatte er am Werner-Jaeger-Gymnasium eine freiwillige Bundestagswahl AG für Oberstufenschüler initiiert. Von den 22 blieben 19 bei der Stange. Sie trafen sich regelmäßig, beschäftigten sich mit der Frage, wie Politik funktioniert und bereiteten das große Finale vor: die Podiumsdiskussion mit Bundestagskandidaten, die vorgestern in der Werner-Jaeger-Halle über die Bühne ging.
"Ich hatte mich schon vorher für Politik interessiert, aber nur sehr wenig davon verstanden", sagte Simon Janßen (17), der der Bundestagswahl AG angehört. Ähnlich war es bei Tamara König (17). "Über die AG habe ich einen Einstieg gefunden. Ich bin politisch interessierter geworden."
Dafür befassten sich die 19 Gymnasiasten mit den Parteiprogrammen, luden Vertreter von fünf Parteien zur Podiumsdiskussion ein und organisierten eine fiktive Bundestagswahl unter Oberstufenschülern. "So realistisch wie möglich", sagte der Lehrer, konnten die Schüler ihre Stimme abgeben: Im Wahllokal, auf Stimmzetteln, die in einer Wahlurne gesammelt wurden. Vier Tage lang.
Das Ergebnis – CDU vorn, gefolgt von den Grünen, SPD abgeschlagen – fand längst nicht jeder der Politiker einleuchtend. "Ist Grün sexy?", lautete Rene Wallichs Frage an Kai Gehring. Der Grüne war mehr irritiert denn erfreut über das gute Abschneiden seiner Partei. "Ich bin erschrocken über das Ergebnis", sagte er. "Das würde eine schwarz-grüne Koalition bedeuten."
Zu weiteren Schrecken kam es nicht. Dafür gab's zu Themen wie Wahlkampf, Internetfreiheit, Wehrpflicht und Studiengebühren mal gruppenumfassende Harmonie, mal Ereiferungen, mal harte Konfrontation. Die Jugendlichen im Publikum applaudierten, buhten, hakten nach. Wie hieß es so schön zu Beginn? "Wer nach Berlin will, muss sich den Fragen der Schüler stellen." FRAGE DES TAGES
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