Nettetal: Vom Winde verweht
zuletzt aktualisiert: 12.02.2010Nettetal (RPO). Nettetals Möhnen traten am Donnerstag in den Sturm-Streik. Sie verweigerten sich kollektiv der um drei Stunden vorverlegten Schlacht um das Rathaus. Der Bürgermeister ergab sich einem Phantom.
Der Orden
Unikat In Anspielung darauf, dass Prinz Arthur I. Garten- und Landschaftsbauer ist, erhielten an ausgewählte Karnevalisten den Gießkannen-Orden verliehen.
Bienen Die Bienen-Kostüme von Mitarbeitern der Stadtverwaltung nahmen ebenfalls Bezug auf den Stadtprinzen, der wie immer über die Drehleiter einschwebte.
Ferkesdrieverdorp Lange Gesichter gestern im Rathaus. Nichts klappte, und das vor den Linsen von Fernsehkameras, die das famose Karnevalstreiben der NetteNarretei auch für die Völker jenseits der Niers hatten einfangen wollen. Bürgermeister Christian Wagner bettelte, flehte, stellte gar eine Befreiung von der eben erst im Rat beschlossenen Möhnensteuer in Aussicht – die dunklen Damen auf dem Platz vor dem Rathaus rührten sich nicht.
Getreu ihrem jahrelang gepflegten Leitspruch "im Dunkeln ist gut munkeln", weigerten sie sich, das Rathaus zu stürmen und den Bürgermeister zu bützen. Früh hatte sich die um Narreteitarifautonomie kämpfende IG Möhnen im "Tuddel", dem Gewerkschaftshaus der Gemeinschaft, getroffen. Nach einer langen Sitzungsrunde wurde dort der Bummelstreik ausgerufen.
Masse der Unzufriedenen
Der Marsch zum Rathaus fand im Tempo des Arbeitsfortgangs städtischer Dienststellen, also in Zeitlupe, statt. Hochwürden Uli Clancett und Jürgen Engmann holten die letzten Schätzchen aus ihrer Phonothek, weil ihnen allmählich die Titel ausgingen, aber immer noch keine Möhne zu sehen war. Dann endlich kamen sie, eine wabernde dunkle Masse der Unzufriedenen und zu früh Bestellten. Auf einem Transparent prangte die Forderung für die nächste Elferrunde: "Brauchtumspflege? 17.11 Uhr!"
Gut. Jeder weiß, dass ähnliche Forderungen auch für Anstoßzeiten in Fußballstadien erhoben werden, aber das Fernsehen die Anfangszeiten diktiert. So war es auch jetzt. Wegen des besseren Lichts mussten die Möhnen früher kommen, wollten sie gefilmt werden. Eine Weile drehten die Damen sich mit ihren durchaus ansehnlichen Allerwertesten zum Rathaus, erst Prinz Arthur I. gelang es, sie zum Einlenken zu bewegen. Zögernd betraten sie das (an wen eigentlich?) übergebene Rathaus.
Hier herrschte längst Anarchie. Der Prinz hatte das Rauchverbot eigenmächtig aufgehoben, Kämmerer Norbert Müller lief mit qualmendem Glimmstängel sofort über. Erster Beigeordnete Armin Schönfelder wurde angeblich gesichtet, wie er an einem Nebeneingang vergeblich um Einlass bat. Und die Technische Dezernentin wagte den aktiven Ungehorsam, indem sie beim Aufruf ihres Namens ganz in Schwarz und mit ebenholzfarbener Langhaarperücke ungerührt irgendwo weitgehend unerkannt, aber trotzig stehen blieb und sich mit Möhnen verschwisterte.
Mit der ihm eigenen Flexibilität hatte Christian Wagner früh die Verteidigungslinie verlassen und eine Umarmungsstrategie gewählt. Aber selbst die Verlockung, zum elften Mal die frisch gestrichene Aktenaufbewahrungsbude zu stürmen, ließ die Möhnen kalt. Mehr als 80 quetschten sich spät erst in die Cafeteria. Des Bürgermeisters Versicherung, nun bleibe mehr Zeit zum Feiern und es gebe weniger Verluste unter den Narren, riss nur ein paar notorische Hurra-Karnevalisten zu Begeisterungsstürmen hin. Die meisten waren sich einig: "Typisch Lobberich: Sturm versprochen, nur Flaute geschafft."
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