Nettetal: Vor 90 Jahren historischer Doppelselbstmord
VON HEINZ-WILLI SCHMITZ - zuletzt aktualisiert: 28.07.2008Nettetal (RPO). Menschlich dramatisch, militärisch spektakulär und literaturgeschichtlich bedeutungsvoll war das, was am Dienstag vor 90 Jahren, am 29. Juli 1918, in einer Kaserne des kaiserlichen Heeres an der Poststraße in Kaldenkirchen geschah: der Doppelselbstmord von Bernhard Graf Uxkull-Gyllenband und Adalbert Cohrs.
Die blutjungen Soldaten – Cohrs war Leutnant, Graf Uxkull Fahnenjunker – waren bei dem Versuch, sich von einem vermeintlichen Menschenschmuggler aus Lobberich ins neutrale Holland bringen zu lassen, festgenommen worden und erschossen sich in der militärischen Vernehmung. Beide gehörten zum engsten Kreis des Dichters Stefan George. Insbesondere Graf Uxkull war selbst als Dichter hervorgetreten. Er war ein Verwandter der Brüder Stauffenberg, die ebenfalls zum George-Kreis zählten. Uxkull und die Mutter des Hitlerattentäters waren Cousin und Cousine.
Die jungen Intellektuellen waren offensichtlich des Krieges müde. In Berlin waren sie auf einen Soldaten aus Lobberich gestoßen, der ihnen Einzelheiten über eine vermeintlich sichere Flucht in die Niederlande mitteilte. Der Lobbericher verwies sie an einen ortsbekannten Schmuggler, von dem er annahm, dass er die beiden Offiziere nach Holland bringen würde. Der aber meldete die in Zivilkleidung in Lobberich auftauchenden „zwei besseren Herren“ der Polizei, die sie an die Militärpolizei überstellte. „Während der Vernehmung in Kaldenkirchen haben sich beide erschossen“, heißt es im Polizeibericht, der neben vielen anderen Quellen Grundlage eines ausführlichen Berichtes über dieses Ereignis und seine Hintergründe von Professor Leo Peters im Heimatbuch 2004 des Kreises Viersen ist.
Schicksal bewegte Dichter
Graf Uxkull hat der Dichter Stefan George nach der Nachricht von dem Freitod ein inniges Gedicht gewidmet, das zum festen Kanon der deutschen Lyrik des 20. Jahrhundert gehört. Auch andere große Künstler der Zeit hat das Schicksal der beiden Soldaten bewegt. Erich Heckel, einer der Pioniere des deutschen Expressionismus, hat dem frühen Tod der beiden George-Jünger in seinen Wandbildern im Angermuseum in Erfurt eine nachhaltige Erinnerung geschaffen. Der Bildhauer Ludwig Thormaehlen schuf im Kreuzgang des Klosters U.L. Frauen in Magdeburg einen Jünglingskopf, der Bernhard von Uxkull darstellt und dessen Abguss in Georges Zimmer in Bingen stand. Ihr gemeinsames Grab fanden Uxkull und Cohrs auf dem evangelischen Friedhof in Kaldenkirchen.
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