Kreis Viersen: Agrobusiness ohne Bauern?
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 07.06.2007Kreis Viersen (RPO). Der Niederrhein will mit grüner Wirtschaft auftrumpfen. Aber Bauern, Obst- und Gemüsegärtner ächzen unter dramatischen Gewinneinbrüchen. Dazu bleiben die polnischen Feldarbeiter aus, weil Arbeit hier unattraktiv ist.
Begleitet von großen Erwartungen an eine glänzende Zukunft ist das Projekt Agrobusiness am Niederrhein angeschoben worden. Produktion, Entwicklung, Forschung, Tourismus und Bildung sollen sich in Form einer ökonomischen Wertschöpfung um die niederrheinische Scholle ranken. Doch ausgerechnet der Kern all dieser Bestrebungen droht zur nutzlosen Hohlfrucht zu degenerieren: Die heimische Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise.
Milchbauern protestieren gegen den Preisverfall und das Diktat großer Konzerne, weil ihre Existenzen gefährdet sind. Viehzüchter müssen ohnmächtig den Konzentrationsprozessen auf dem Gebiet der Fleischverarbeitung und dort ebenfalls fallenden Erzeugerpreisen zuschauen. Und das im Agrobusiness-Gutachten gelobte Entwicklungspotenzial des Obst- und Gemüseanbaus am Niederrhein steht vor dem Dilemma, dass Anbauer kaum mehr ernten können.
Chancenlos in der EU
Ungleich Schmitter liefert mit niederländischen Kollegen dieselben Produkte an die Versteigerungsorganisation ZON bei Venlo. Seine Marge ist bei identischen Preisen viel geringer. „Die Niederländer zahlen die Hälfte für Dieselkraftstoff. Bei einem Verbrauch von bis zu 50 000 Litern im Jahr ein Vorteil mehr als 20 000 Euro. Schieben kann ich meine Maschinen nicht.“ Kosten In nur einem Jahr verdoppelte sich sein Beitrag zur Berufsgenossenschaft auf 4000 Euro.
Polnische Saisonarbeiter
„Die polnischen Saisonarbeiter bleiben aus, weil ihre Arbeitgeber sie nicht mehr für zwei bis drei Monate freigeben, damit die in Westeuropa auf den Feldern ihren Lebensunterhalt verdienen. Denn in Polen fehlen Facharbeiter, und das Lohnniveau steigt. Wer sich doch als Saisonarbeiter verdingt, fährt am Niederrhein vorbei, weil er in Irland, England oder in den Niederlanden bessere Arbeitsbedingungen vorfindet, geringeren Beschränkungen unterliegt und besser bezahlt wird“, so der Geschäftsführer der Kreisbauernschaft, Udo Horstmann.
Hans August Schmitter baut in Leuth und Kaldenkirchen in der Reihenfolge Spargel, Eissalat, Fenchel und Porree an. Er hat einen polnischen Vorarbeiter, der ihm bisher immer noch ausreichend Kräfte vermittelt hat. „Aber es kommen immer andere, die nicht eingearbeitet sind“, so Schmitter. Im Winter versuchte er es mit Rumänen. Aber deren Mentalität und Arbeitsmoral passt nicht zu den Anforderungen eines Betriebes, der punktgenau erstklassige Produkte ausliefern muss und sich keinen Ausrutscher erlauben darf.
„Ich würde einem Feldarbeiter gerne 15 Euro und mehr zahlen, wenn die Preise das hergäben. Aber Essen darf in Deutschland absolut nichts kosten. So können wir nur unter allergrößten Anstrengungen gerade Mal 7,50 Euro zahlen. Ich bekomme hier 50 Cent fürs Kilo Porree, mein englischer Kollege weint schon, wenn man ihm nur einen Euro zahlt. Lebensmittel sind in Deutschland so entwertet worden, dass wir zum Niedriglohnland abgeglitten sind.“ Agrobusiness findet Schmitter reizvoll. Aber das Projekt wird ihn nicht dazu bringen, nur einen Hektar Spargel mehr anzubauen. „Für arbeitsintensive Kulturen sind die Risiken zu groß. Die Kosten steigen, die ohnehin geringen Gewinnmargen sinken.“
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