Kreis Viersen: Als Deutschland anders wurde
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 30.01.2008Kreis Viersen (RPO). Heute vor 75 Jahren „ergriffen“ die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Am Niederrhein hatten sie bis dahin kaum richtig Fuß fassen können. Gleichschaltung und Führerprinzip sorgten schnell für andere Verhältnisse.
Das „Affentheater“ werde „kaum drei Wochen dauern“ vermutete kurz nach dem 30. Januar 1933 ein Lehrer in Bracht. Reichspräsident Hindenburg hatte den „Führer“ der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, zum Kanzler gemacht. Er führte das 21. Kabinett in der 14-jährigen Geschichte der Weimarer Republik. Es war zugleich ihr Ende. Aber das ahnte im heutigen Kreis Viersen keiner.
Am 31. Januar riefen in Viersen Kommunisten zu einer Protestdemonstration gegen die neue Berliner Regierung auf. Es kam zu Prügeleien, am Abend wurden zwei Männer von Schüssen getroffen und Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmert. Mit Fackelzügen feierte die NSDAP ihren politischen Erfolg, den Joseph Goebbels, der Chefpropagandist der Partei, flugs mit dem Begriff „Machtergreifung“ versah. Die neuen Machthaber hatten die anhaltende Wirtschaftskrise geschickt für sich genutzt. Noch im Januar 1933 hatte Textilproduzent Girmes in Oedt 60 Arbeitskräfte entlassen, das katholische Bonifatiuswerk in Kempen und Lobberich richtete im Januar 1933 freiwillige Arbeitsdienstlager ein.
Was wichtig ist
Partei Am 30. Januar 1933 zählte die NSDAP im Kreisgebiet 734 Mitglieder in 19 Ortsgruppen (zum Teil nur auf dem Papier existent). Bis Ende März meldeten sich 4370 neue Mitglieder an.
Wahlen Reichstag 1930: 7,9% Anteil NSDAP; November 1932 16,8; März 1933 30,1%.
Lektüre Im Heimatbuch des Kreises Viersen 1984 (S.137 ff.) hat RP-Redakteur Gert Udtke anhand von Zeitungsberichten die „Machtergreifung“ im Kreis beschrieben.
Kreis Viersen-Kempen
Parallel dazu hatte die NSDAP ihre Organisationsstruktur auch im katholischen geprägten Rheinland schrittweise ausgebaut. Am 23. Januar wurde der Kreis Viersen-Kempen als „nationalsozialistische Region“ mit Kreisleiter Heinrich Niem gebildet. Im 1938 von der NSDAP herausgegebenen „Rückblick auf den Kreis Viersen-Kempen 1933-1938“ (Viersen wurde nun eigener Kreis) räumten die Nationalsozialisten ein, dass sie keineswegs willkommen gewesen waren. Die Ortsgruppe Süchteln hatte im Wahljahr 1932 kein Geld, im Großraum Kempen bezogen nur 20 Abonnenten die „Volksparole“, der Ortsgruppe Dülken wurden monatelang keine Säle zur Verfügung gestellt, in Hinsbeck drohte Kaplan Terhorst Parteingenossen mit der Exkommunikation. Dafür versuchten die Nazis mit aller Gewalt im buchstäblichen Sinn, auf den Straßen die Oberhand zu gewinnen. Es gab immer wieder Schlägereien und Schießereien mit Toten und Verletzten. 1938 stellte die Partei zufrieden fest, dass in Viersen, immerhin, die Straße „schon früh von den braunen Bataillonen in Besitz genommen worden war“.
Nach dem 30. Januar 1933 änderte sich alles sehr schnell. Die Zahl der Parteimitglieder ging spätestens nach dem Reichstagsbrand und der wenig später folgenden Wahl am 5. März schlagartig hoch. Kommunisten wurden in „Schutzhaft“ genommen, Amtsträger unter Druck gesetzt, katholische Institutionen massiv attackiert. Bald sorgten die „Gleichschaltung“ und die Einführung des Führerprinzips für eindeutige Verhältnisse. Missliebige Bürger mussten Gemeinderäte, Vereine und andere Organisationen verlassen. Sie alle wurden auf den Führer eingeschworen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



