Viersen: Auch Jungen brauchen Hilfe
VON NATASCHA BECKER - zuletzt aktualisiert: 04.02.2012Viersen (RP). Die Mädchenförderung ist seit Jahren in aller Munde. Doch auch für Jungen gibt es immer mehr Angebote. Denn die haben ihre speziellen Bedürfnisse. Oft fehlen ihnen männliche Vorbilder.
Seit dem Jahr 2001 gibt es den Girls' Day, bei dem Mädchen in Berufe hineinschnuppern können, in denen sie noch unterrepräsentiert sind. Es hat zwar etwas länger gedauert, aber seit drei Jahren gibt es nun auch das Gegenstück für Jungen: den Boys' Day. Die Schüler lernen an diesem Tag vor allem Berufe aus den Bereichen Pflege, Soziales und Erziehung kennen. Zudem können sie an Workshops zu Sozialkompetenz und Rollenvorstellungen teilnehmen. Jungenförderung ist auf dem Vormarsch.
Die Jugendeinrichtungen bieten inzwischen neben Mädchen- auch Jungentage an, die nicht minder gut besucht werden. "Auch Jungen sind Gewalt und Missbrauch ausgesetzt, das gilt nicht nur für Mädchen. Sie benötigen ebenfalls Hilfe", betont Cornelia Henneke, Vorsitzende des Kinderschutzbundes (KSB), Ortsgruppe Viersen. Zudem gibt es einen zweiten, nicht minder wichtigen Punkt, warum Jungenförderung eine hohe Priorität hat: Viele Jungen wachsen heute in einer von Frauen geprägten Welt auf – gerade, wenn es sich um Scheidungskinder handelt. Der Vater, und damit ein männliches Vorbild, fehlt.
Konflikttraining
Das nächste Konflikt- und Selbstbehauptungstraining für Jungen bietet der Kinderschutzbund am Samstag und Sonntag, 2. und 3. Juni, von 10 bis 15 Uhr an. Ein weiteres Wochenende ist der 10. und 11. November. Anmeldung und Info: KSB Viersen, Telefon 02162 21798.
"Typisch Frau"
Auch im Kindergarten und in der Grundschule arbeiten fast ausschließlich Frauen. Jungen erfahren keine männliche Prägung. Was sie erleben, tun sie als "typisch Frau" ab und suchen nach anderen Strukturen, um etwa Streit zu lösen. "Oft kommt Gewalt ins Spiel, oder die Jungen ziehen sich in die Rolle eines Opfers zurück", weiß Henneke aus Erfahrung.
Jungen diskutierten auch nicht so viel wie Mädchen, die mit Freundinnen alles "bekakeln", wie es Henneke mit einem Lächeln beschreibt. Vielfach sei es so, dass, wenn Mädchen über das Kinder- und Jugendtelefon anriefen, sie im Prinzip schon eine Lösung erarbeitet hätten und eigentlich nur noch ein "in Ordnung" hören wollten. Bei Jungen sei das nicht der Fall.
Dass die Jungenangebote stark nachgefragt sind, stellt der KSB Viersen beim Angebot "Hau ab, lass mich in Ruhe!", bei dem es sich um ein Konflikt- und Selbstbehauptungstraining für Jungen handelt, immer wieder fest. Die Kurse sind schnell belegt, und es gibt Wartelisten. Wichtig ist laut Cornelia Henneke bei solchen Angeboten, dass sie auch durch männliche Referenten erfolgen, denn nur so komme die Botschaft auch bei den Jungen an. Wenn Männer vermitteln, wie man in bestimmten Situationen cool und stark bleibt, ohne Gewalt einzusetzen, übernehmen die Teilnehmer diese Vorbildfunktion.
Genau dort liegt allerdings ein weiteres Problem: Männliche Referenten sind in den verschiedenen Bereichen dünn gesät. "Und dabei brauchen wir Jungenförderung genauso dringend wie die Mädchenförderung", betont Henneke.
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