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Viersen: Brasilianisches Wintermärchen

VON JETTE SEIFERT - zuletzt aktualisiert: 08.07.2010

Viersen (RPO). Fußball ist ein großes Thema in Brasilien. Ob im Bus, auf der Straße, im Restaurant – Fußball ist in aller Munde.

Die Viersenerin Jette Seifert, die nach dem Abi ein Soziales Jahr in Porto Alegre leistet, erlebte WM-Spiele dort.
Fragerunde im Projekt: Die Kinder aus armen Familien kennen die junge Viersenerin nun schon ein Jahr. Jette Seifert kehrt bald zurück.  Foto: RPO
Fragerunde im Projekt: Die Kinder aus armen Familien kennen die junge Viersenerin nun schon ein Jahr. Jette Seifert kehrt bald zurück. Foto: RPO

Viersen/ Porto Alegre Nach elf Monaten in Brasilien stelle ich wieder einmal fest, dass ich nicht in Brasilien bin. Zumindest nicht in dem, das ich mir als Europäerin vorgestellt hatte. Ich lebe nicht in Rio de Janeiro. Hier gibt es keinen Strand. Hier ist nicht ganzjährig Sommer. Hier trifft man nicht auf Menschen in Bikini und mit Kokusnuss in der Hand. Im Land der brasilianischen Gaúchos, im Bundesstaat Rio Grande do Sul, ist die Copacabana Rios der Redenção, der größte Park der Stadt. Da ist man nicht ganzjährig braun gebrannt. Da regnet es auch mal. Und da ist ein Brasilien-WM-Spiel nicht wichtiger als ein Spiel der beiden Rivalen Gremio und Inter. Die Berichte und Bilder aus Deutschland machen zwar neidisch. Hitze, Eis und dazu Fussballfieber ohne Ende – das perfekte Sommermärchen. Aber beklagen können wir uns auch nicht. Die Wintertage genossen wir im T-Shirt bei 25 bis 30C und viel Sonne.

Info

Fußball-Nation

Leidenschaft Brasilien ist ein Fußballland. Selbst in der Pampa, im Nirgendwo, lassen sich Fußballfelder finden. Das ärmste Projekt hat vielleicht keine Bleistifte, keine Buntstifte zum Malen, wenig Essen und kein Klopapier, aber doch zumindest einen Fußballplatz, wie einfach errichtet auch immer dieser sein mag.

Projektarbeit Jette Seifert arbeitet in einem Familien-beschützenden Sozialprojekt mit Kindern und Jugendlichen im Süden Brasiliens.

Straßen leer – Entführungsgefahr

Um die Brasilien-Spiele zu sehen, verlassen viele ihre Arbeit früher oder gehen erst gar nicht – das ist absolut legitim. Sollte es hier jemanden geben, der kein Interesse am Fussball hat, sollte sich dieser zu Zeiten eines Spiels nicht zu einem Spaziergang entscheiden: Die Straßen sind leergefegt und es herrscht Entführungsgefahr! Aber: Man ist hier bezüglich der eigenen Mannschaft schlicht zu arrogant. Man erwartet, dass die Seleção erfolgreich ist. Man hofft nicht, man fiebert nicht mit. Man ist nicht zuversichtlich, knabbert nicht an den Fingernägeln und drückt nicht die Daumen, sondern schimpft bei jedem Fehlpass. Ein Sieg wird abgehakt. Ist ja selbstverständlich, also bitte. Und bei einer Niederlage ist man nicht traurig und enttäuscht, sondern sauer.

Fast alle Brasilien-Spiele verfolgte ich in Bars. Zwar ertönten einige "Uuuh"s und "Aaah"s, bei einem Tor freute man sich. Ohnehin am lautesten waren die auch hier in Mode kommenden Vuvuzelas. Doch nach einem Spiel brach man wieder auf – ab nach Hause. Pflichtprogramm abgehakt, gewonnen, Ende. Als das letzte Brasilien-Spiel abgepfiffen wurde, da herrschte für einen Moment Stille. Erschlagen und "baff" sackten alle auf ihren Plätzen zusammen. Doch man riss sich zusammen. "Já era – das war es dann wohl". Kein weiteres Wort mehr zur brasilianischen Mannschaft. Stattdessen freute man sich nun auf das Jogão der Copa – das Spiel der WM schlechthin: Argentinien gegen Deutschland.

Herrscht in meiner Heimat eine Rivalität mit den Niederlanden , verpönt man hier Argentinien. Es vergeht kein Tag ohne eine Karikatur von Maradona in der Zeitung. Für Deutschland – ohnehin schon hochgelobt – drückt man die Daumen. Deutschland wird nicht belächelt, sondern als ernstzunehmender Favorit wahrgenommen. Viel Freundlichkeit habe ich in dieser Hinsicht in den letzten Wochen erfahren.

Meine Projektkinder wissen bestens über die Copa do Mundo – die Weltmeisterschaft – Bescheid und ärgerten mich zeitweise, in dem sie mich "Sérvia - Serbien" nannten. Ganzjährig ist Fußball in Brasilien ein großes Thema. Da ist die WM kaum eine Außnahme. Mein Fazit: Es liegt Fußball in der Luft, aber kein Fieber.

Quelle: RP

 
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