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Schwalmtal: Das Psychogramm des Todesschützen

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 19.08.2009 - 21:51

Schwalmtal (RPO). Der Vorgarten ist akkurat gepflegt. Die weiße Eingangstür des rot geklinkerten Doppelhauses ziert ein Rosenkranz aus Kunststoff. Normalerweise bellt der schwarze Pinscher, wenn Besucher auf die Klingel drücken. Diesmal regt sich nichts. Die Außenbeleuchtung ist noch eingeschaltet. Ein Hinweis darauf, dass in Haus Nummer 58 b etwas nicht stimmt.

Hans P. bei seiner Ergreifung in Schwalmtal. Er hat kurz zuvor drei Menschen erschossen.  Foto: Theo Titz/RPO
Hans P. bei seiner Ergreifung in Schwalmtal. Er hat kurz zuvor drei Menschen erschossen. Foto: Theo Titz/RPO

Das Doppelhaus liegt in Königsborn, einem Bezirk am nördlichen Rand der Ruhrgebietsstadt Unna. Dort wohnen Hans P., der Todesschütze von Schwalmtal, und seine Frau Anja seit dem Einzug vor 16 Jahren. Nebenan, in der linken Hälfte des Gebäudes lebt ihr Sohn Stanislaw mit seiner Frau und den beiden Söhnen.

Es ist kurz nach halb eins am gestrigen Mittag, als der 15-jährige Patrick mit dem Rad von der Schule nach Hause kommt. Was wollen die Reporter vor dem Haus? Der Junge ist ahnungslos. Er hat vom nächtlichen Polizeieinsatz in der Wohnung des Opas nichts mitbekommen.

Nachbarin Anita Bohnsack ist am frühen Morgen davon wach geworden als mehrere Polizeiwagen in der Straße anhielten. „Die Beamten haben offenbar das Außenlicht angelassen, als sie gegangen sind”, berichtet die 58-jährige Frau. Eine Nachlässigkeit, die den P.s nie passiert wäre. „Das sind sparsame Leute”, meint die Nachbarin. „Bei denen brennt keine Lampe am helllichten Tag.”

Leergut gesammelt

Die Durchsuchung der Polizisten hat keine sichtbaren Spuren hinterlassen. In der Küche ist der Essplatz mit Messer und Gabel eingedeckt -­ wie für einen Ehemann, der immer sehr spät nach Hause kommt. Auf einem Tisch liegt ein Stapel mit Papieren neben Tempotaschentüchern und einer Dose mit Handcreme. Auf dem Fensterbrett steht eine Porzellanfigur ­- ein weinender Clown.

Hans P. sah man nie lachen, berichtet ein Nachbar. Der silberne A-Klasse-Mercedes blieb meist in der Garage. Der 71-Jährige war fast immer mit dem Rad unterwegs. Oft verließ er das Haus kurz nach seiner Frau. „Die beiden haben ein Hobby, das wohl niemand bemerken sollte”, heißt in der Straße. Wenn Hans P. und seine Frau aufs Rad stiegen, begann ihre Streifentour entlang der Mülleimer von Königsborn. „Die beiden haben Flaschen gesammelt”, berichtet ein Nachbar. „Das Leergut haben sie an der Pfandkasse der Supermärkte eingelöst.”

Eiserne Disziplin

Hans P. hat sich den Traum vom Eigenheim durch eiserne Disziplin erfüllt. Als gelernter Zimmermann hat er die Dacharbeiten selbst erledigt und so Geld gespart. Seine Familie ist aus Polen nach Deutschland übergesiedelt. Wie viele seiner Landsleute, die früher im Aufnahmelager Unna-Massen ankamen, ist er in Unna geblieben.

Von den Werten in der Heimat hat er sich nicht getrennt. Im Flur hängt ein Kruzifix. Die Sternsinger haben den Segensspruch „Christus mansionem benedicat” am Eingang hinterlassen. Ja, gläubig sei er immer gewesen, und schüchtern und zurückhaltend. Hans P. ­- ein kaltblütiger Mörder? „Nicht zu fassen!”, sagt eine Nachbarin und schüttelt den Kopf.

Das Bild, das die Polizisten von dem Täter zeichnen, ist den Anwohnern völlig fremd. Die Ermittler erklären, das Weltbild von Hans P. sei schwarz-weiß gewesen. Auf der einen Seite stehen die Guten, auf der anderen Seite die Bösen. Wer böse ist, hat Zorn und Rache verdient. Alttestamentarisch sei das, heißt es in der Katholischen Herz-Jesu Gemeinde. Die Polen, die dort oft zum Gottesdienst gehen, haben dafür kein Verständnis.

Pistole aus Wehrmachtsbeständen

Hans P., so heißt, es, sei oft in Polen gewesen. Von seinen Reisen brachte er oft preiswerte Lebensmittel mit und Obst, das er, wenn er gut gelaunt war, an die Nachbarn verschenkte. Auch die Tatwaffe, eine Astra 300, brachte er aus Polen mit. Die Neun-Millimeter-Pistole stammt aus den Beständen der deutschen Wehrmacht. Hans P. soll sie vor Jahren von seinem hochbetagten Vater erhalten haben. Ob er schon damals daran dachte, sie einzusetzen, ist noch unklar.

Lange vor dem Verbrechen von Schwalmtal wurde ein Foto gemacht, das Hans P. bei einer Feier zeigt. Damals hat er volles, braunes Haar, er trägt ein helles Dinner-Jacket, ein weißes Hemd mit Fliege, und er lächelt in die Kamera. Das ist das freundliche Gesicht eines Familienvaters. Die Bilder der Festnahme zeigen einen anderen Menschen. Seine Haare sind militärisch kurz und grau, das Gesicht wirkt ausdruckslos. Soeben hat der 71-Jährige drei Menschen erschossen.

"Der ist ein guter Typ"

Der ruhige, in sich gekehrte Senior ist mal wieder ausgeflippt, wie schon vor zwei Jahren, als er eine Verwandte nach einem Streit mit einem Baseballschläger brutal niederschlug. Diesmal hat der „Rächer” seine Tat penibel vorbereitet. Drei Menschen sterben im Kugelhagel. Um sicherzugehen, dass die Opfer tot sind, lädt Hans P. noch einmal nach und schießt erneut auf die Sterbenden.

Der Rentner wird nun wegen dreifachen Mords und Mordversuchs vor Gericht gestellt. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. In sein Haus im Norden von Unna wird er wahrscheinlich nie mehr zurückkehren. Jetzt muss Stanislaw, der Sohn des Täters, seinen Kindern erklären, was Hans P. getan hat. Eine schwierige Aufgabe. Patrick kennt die dunkle Seite seines Großvaters offenbar nicht. „Der ist ein guter Typ”, sagt der 15-Jährige. Seine Eltern erwartet er am Nachmittag.

Quelle: RP

 
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