Schwalmtal: "Das war vorherzusehen"
VON JÖRG ISRINGHAUS, BIRGITTA RONGE UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 20.08.2009 - 07:23Schwalmtal (RPO). Nach den tödlichen Schüssen von Schwalmtal-Amern sind die Anwohner fassungslos. Angehörige des tatverdächtigen 71-Jährigen erheben schwere Vorwürfe gegen die Mönchengladbacher Justiz. Ihrer Meinung nach wäre die Tat zu verhindern gewesen. Derweil versucht die Spurensicherung der Polizei, den Tathergang zu rekonstruieren.
Am Morgen nach dem Amoklauf im Schwalmtaler Ortsteil Amern sind die Menschen wie gelähmt. Fernsehteams haben sich am Margeritenweg postiert, die Polizei hat das Haus, in dem die Tragödie geschah, abgesperrt. "Wir sind schockiert, dass so etwas hier passieren konnte", sagt Tanja Mühling, eine Anwohnerin. Dabei gab es öfter Streit in dem Haus, berichten Nachbarn. Die 23-jährige Nadine Berger saß am Fenster ihres Elternhauses, als die Schüsse fielen. "Erst hörte ich Schüsse, später Schreie. Dann kam der Mann auf unser Haus zugerannt." Sie versorgte den schwer verletzten Gutachter Bernd P. aus Mönchengladbach, rief den Krankenwagen. "Es war furchtbar, er wollte Wasser und ein Telefon, um seine Frau anzurufen."
Unterdessen bemühen sich Spurensicherer der Polizei, den Tathergang zu rekonstruieren. Sicher ist bislang Folgendes: Um 16.28 Uhr geht bei der Polizei der Anruf ein, dass Schüsse in einem Haus in Schwalmtal gefallen sind, und dass es Verletzte, vielleicht Tote gebe. "Wir haben das zunächst als Amok-lage eingestuft, weil die genaue Position des Täters nicht klar war", so der Leitende Düsseldorfer Kriminaldirektor Jürgen Schneider.
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Die Polizei beordert mehr als 200 Beamte nach Schwalmtal, darunter auch ein Sondereinsatzkommando (SEK). Gegen 17.30 Uhr geht bei einem Freund von Barbara K., der Tochter des Täters Hans P., ein Anruf ein. Barbara K. berichtet von Toten und Schüssen, und dass man sie aus dem Haus holen solle. "Ab diesem Zeitpunkt wussten wir, wo der Täter ist", sagt Schneider. Die Polizei bemüht sich um eine Kontaktaufnahme, spricht durch ein Fenster mit Hans P. Um 19.30 Uhr hält er ein weißes Hemd aus dem Fenster, als Signal, dass er sich ergeben will. Die Polizei nimmt P. fest. Vom Eintreffen der Polizei am Tatort an sind keine Schüsse mehr gefallen.
Enkel erzählt von Hans P.s Gewaltausbrüchen
Christoph K. hat die ganze Nacht nicht geschlafen. "Die Bilder der Toten sind mir nicht aus dem Kopf gegangen", sagt der 18-Jährige. Er ist der Enkel des 71-jährigen Täters Hans P. Das Band zu seinem Opa und seiner Mutter ist schon seit Jahren zerschnitten. "Als SEK-Beamte ihn im Auto weggefahren haben, hat er uns durch die Scheibe noch die Zunge herausgestreckt", berichtet der junge Mann. "Wären mein Vater und ich gestern in dem Haus meiner Mutter gewesen, hätten wir auch zu den Toten gehört."
Und dann erzählt er die Geschichte eines Ehekriegs, an dessen Ende das blutige Drama von Amern steht. Vor acht Jahren geht nach langen Streitigkeiten die Ehe von Christophs Vater, Hubert K., mit seiner Frau Barbara K. (beide 44) in die Brüche. Hubert K. zieht aus dem gemeinsamen Einfamilienhaus aus. Der damals zwölfjährige Christoph muss sich zwischen seiner Mutter und seinem Vater entscheiden. Seine Wahl ist klar: Er entscheidet sich für den Vater, der als Estrichleger ein geregeltes Einkommen hat.
Finanzielle Nöte
Beim Auszug kommt es zu einem ersten Gewaltakt: "Mein Großvater hat mich zusammengeschlagen", so Christoph K.. Tatsächlich diagnostiziert ein Mediziner zahlreiche Prellungen. Vater und Sohn erstatten Anzeige, aber das Verfahren verläuft im Sande, weil, so Christoph, die Mutter als einzige Zeugin ausgesagt habe, dass ihr Sohn sich die Verletzungen beim Sturz von der Treppe zugezogen habe.
Im Jahre 2006 spitzt sich die finanzielle Situation der in Trennung lebenden, aber noch nicht geschiedenen Eheleute K. nach dem Auszug einer Mieterin aus dem Haus im Margaritenweg zu. Um eine Zwangsversteigerung zu vermeiden, einigen sich die Eheleute darauf, dass Hubert K. wieder bei seiner Noch-Frau einzieht. K. übernimmt einen Teil der Renovierungsarbeiten. Barbara K.s Vater, Hans P., der gelernter Zimmermann ist, investiert ebenfalls viel Arbeit. Doch die Streitigkeiten zwischen den verfeindeten Familienangehörigen flammen wieder auf.
Mit dem Baseballschläger verprügelt
Am 21. April 2006 kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Hans P. gerät mit Gisela B., einer Tante seines Schwiegersohns und einer weiteren Bekannten aneinander. Der 1,90 Meter große, korpulente P. schlägt der zierlichen, 1,50 Zentimeter kleinen Rentnerin B. mit einem Baseballschläger auf den Kopf. Die Frau erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und eine offene Wunde am Kopf.
Die beiden Frauen erstatten Strafanzeige gegen P.. Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach nimmt die Ermittlungen auf und erhebt am 4. September 2006 Anklage gegen P. wegen gefährlicher Körperverletzung. Doch P. bringt Gutachten bei, die ihm Verhandlungsunfähigkeit bescheinigen. P. leide an einer "rezidiven depressiven Störung" und einer "posttraumatischen Belastungsstörung nach einer Gewalttat im Jahre 2006" heißt es in der Expertise eines Dortmunder Psychiaters. Gemeint war P.s Baseballschläger-Attacke.
Verfahren eingestellt
Gegen die Einstellung des Verfahrens erhebt der Anwalt Gisela B.s Einspruch. Das Landgericht bestätigt die Einstellung, weist die Staatsanwaltschaft aber an, eine Zwangseinweisung P.s in eine psychiatrische Klinik zu überprüfen. Doch ein Gutachter hält P. im Februar 2009 für nicht allgemeingefährlich. Ein Richter entscheidet: Der Mann bleibt in Freiheit. Sein Enkel sieht ein Versagen der Behörden: "Ich bin wütend. Die Bluttat war vorhersehbar. Hätte die Justiz richtig gehandelt, wäre es nicht zu den tödlichen Schüssen gekommen." Ein Sprecher des Landgerichts Mönchengladbach weist die Anschuldigungen zurück: "Eine zwangsweise Unterbringung war wegen des Gutachtens nicht möglich, eine strafrechtliche Verfolgung ebenfalls nicht." Auch das Justizministerium sieht nach erster Prüfung keinen Anlass für ein Fehlverhalten.
So konnte P. sich mit tödlicher Konsequenz in die Auseinandersetzungen um das schmucke Einfamilienhaus im Margeritenweg einschalten. Das Haus der seit 2008 geschiedenen Eheleute K. sollte für eine Zwangsversteigerung vermessen werden. Laut Christoph K. konnte P. nicht verwinden, das Hubert K. angekündigt, das auf 340 000 Euro taxierte Haus selbst zu ersteigern. "Mein Vater hatte damit gerechnet, das Haus für die Hälfte bekommen zu können." Diesen Triumph habe P. seinem Vater nicht gegönnt. Doch Vater und Sohn haben Angst vor dem Konflikt und erscheinen nicht zu dem Termin. Das rettet ihnen das Leben.
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