Viersen: Ditfurth über Meinhof
VON ANGELA WILMS-ADRIANS - zuletzt aktualisiert: 21.04.2008Viersen (RPO). Jutta Ditfurth stellte am Freitagabend in „Conny´s Come In“ in Boisheim ihre Biografie über Ulrike Meinhof vor. Ihrer Überzeugung getreu war die ehemalige Grünen-Politikerin mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen.
boisheim „Nein, ich kannte sie nicht“, erzählte Jutta Ditfurth im Gespräch mit den vielen Besuchern in dem Boisheimer Szene-Lokal. Doch ihr war durch Zufall aufgefallen, dass es zur „Staatsfeindin Nr. 1“ keine ernsthafte Biografie, keine systematische Erfassung gab. Ditfurth recherchierte sechs Jahre lang. Sie betonte, dass jedes Wort und jede Tatsache von Zeitzeugen bestätigt wurde. Zum Schutz ihrer Informanten verzichtete sie im Buch allerdings auf 6000 Quellenangaben. Die beiden „missratenen“ Meinhof Töchter könnten ansonsten als Erben Urheberrechte einklagen und von der Mutter geschriebene Briefe zurückfordern.
Frei erzählt
Jutta Difurth las nicht aus der Biografie, sondern erzählte frei, um mit „Mythologien, Legenden und Märchen“ über Ulrike Meinhof aufzuräumen. Die Autorin zeigte sich überzeugt, dass sicher auch die meisten Besucher in Boisheim in ihrer Vorstellung über die Terroristin von den Ausführungen des Spiegel-Autors Stefan Aust beeinflusst wären. Sie wäre jedoch auf Fehler gestoßen, die auch der Spiegel im Bundesarchiv hätte hinterfragen können. Zu den Irrtümern gehöre schon der Mythos von der tollen Pflegemutter Dr. Renate Riemeck, die in Wahrheit eine Tyrannin gewesen wäre. Von den Klischees über Meinhofs Jugend sah sie nur die Tatsache bestätigt, dass diese eine gute Geigenspielerin war.
Biografisches
Jutta Ditfurth wurde 1951 in Würzburg geboren. Die Sozialwissenschaftlerin und Publizistin war Mitbegründerin der Partei Die Grünen und von 1984 bis 1988 deren Bundesvorsitzende. Sie gilt als scharfe Kritikerin des später dominanten Realo-Flügels um Joschka Fischer und einer neuen Generation um Oswald Metzger
Ulrike Meinhof wurde 1934 in Oldenburg geboren, war Journalistin, wurde 1970 Gründungsmitglied und Führungsperson der Rote Armee Faktion (RAF). Sie war an der Baader-Befreiung beteiligt, wurde 1972 verhaftet und starb 1976 in der Haft.
Jutta Ditfurth bewies sich als eine starke Persönlichkeit, die sicherlich hartnäckig nachfragt. Sie erzählte sehr anschaulich und verstand es, ihre Zuhörer zu fesseln. Spannend waren auch ihre Berichte über die Suche nach Zeitzeugen und nicht veröffentliche Quellen. Nach dem von gegenseitigen Respekt getragenen Gespräch mit einer „erzkonservativen“ Nonne erhielt Ditfurth einen Brief, den Meinhof aus der Haft an ihre ehemalige Lehrerin schrieb, so die Autorin. „Ich kann nicht die Frage beantworten, ob Ulrike Meinhof durch Mord oder Selbstmord zu Tode kam“, stellte Ditfurth fest. Doch sie schien auf Grund eines Fotos und anderer Umstände eher von einem Mord überzeugt. „Ich bin eine uralte Linke mit viel Erfahrung, und keiner sollte glauben, dass ich keine Munition mehr habe“, gab sie sich kämpferisch, für ihre Überzeugung einzustehen.
Die politisch aktive Frau, die aber das Wort „Politikerin“ für sich als Beleidigung bezeichnet, gab den Besuchern viel Stoff zum Nachdenken auf den Weg. Doch besonders in polemischen Bemerkungen zeigte sich, dass auch sie in ihrer Vorstellungswelt beheimatet ist und entsprechend abwägt.
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