Viersen: Ein Bettler trägt keine Uhr
VON NATASCHA BECKER - zuletzt aktualisiert: 31.10.2011Viersen (RP). Wenn sich Dieter Rabbes am Samstag, 5. November, auf seinen Strohhaufen auf dem Feld am Tuppenend in Süchteln-Vorst setzt, dann ist das ein Jubiläum. Der Süchtelner schlüpft zum 50. Mal in die Rolle des armen Mannes.
Wenn Dieter Rabbes in den Keller geht und die dicke, dunkelgrüne Jacke samt dem Plastikbeutel mit Schuhen sowie den daran mit Wäscheklammern befestigten braunem Hut und den Bart, der ebenfalls mit am Kleiderbügel hängt, aus dem Schrank holt, dann ist St. Martin nicht mehr weit. Den Hut aufgesetzt, den langen Bart umgehängt, in die alten Schuhe geschlüpft, die Jacke übergezogen und fertig ist der "Arme Mann". Eine Rolle, die der Süchtelner seit nunmehr 50 Jahren für die Sektion Süchteln-Vorst innehat.
"Und dabei gehöre ich noch nicht einmal dem St.-Martinsverein Süchteln-Vorst an", verrät der 64-Jährige lächelnd. Er war damals gerade 14 Jahren alt, als er eigentlich mehr oder weniger zufällig den Part des "Armen Mannes" bei der Martinszene übernahm. "Jeder kannte jeden in Süchteln-Vorst. Ich bin einfach auf der Straße – es war der Krumme Weg , ich weiß es noch genau, – von Gustav Heldens angesprochen worden, ob ich nicht mal den ,Armen Mann' spielen könnte", erinnert sich Rabbes.
Die Legende
Sankt Martin wurde als Martin von Tours im Jahr 316 nach Christus im heutigen Ungarn geboren. Er wurde, wie sein Vater, Soldat.
Auf einem seiner Ritte traf er einen Bettler, der vor Kälte zitterte und um eine milde Gabe bat. Da Martins Geldbeutel leer war, teilte er seinen Mantel mit dem Schwert und verschenkte die eine Hälfte. In der Nacht vernahm er die Stimme Jesu.
Wenige Jahre später wurde Martin zum Bischof von Tours gewählt. Er lebte bescheiden und half zu seinen Lebzeiten vielen armen Menschen. Am 8. November 397 starb er auf einer seiner Seelsorgerreisen.
Er sagte zu und damit fing alles an. Landwirt Heinrich Smeets nahm ihn unter seine Fittiche und übte in der eigenen Küche mit ihm seine Rolle. Smeets als St. Martin auf dem Küchenstuhl, der sein Pferd darstellen sollte, und Rabbes in der Rolle des Bettlers davor. "Als es dann soweit war, war ich schrecklich aufgeregt. Ich musste beim Martinslied aufstehen und hatte Sorge, meinen Einsatz zu verpassen", erzählt Rabbes. Doch er meisterte seine Aufgabe mit Bravour, bekam eine Martinstüte und blieb irgendwie dabei. Jahr für Jahr, wobei es die Tüte auch heute noch gibt und dazu ein Schnäpschen bei Jürgen Hölters, wo er immer mit dem Rad hinradelt und sich im Schuppen umzieht.
Ein Umzug von Süchteln-Vorst nach Süchteln änderte daran auch nichts. Jedes Jahr geht das Telefon und die Anfrage vom St.-Martinsverein kommt. "Das ist eine richtig schöne Tradition. Unsere Verwandtschaft kommt dann immer hier hin, wir trinken Kaffee und gehen gemeinsam zur Kirche in Süchteln-Vorst, wo sich der Zug aufgestellt und es Püfferkes und Glühwein gibt", verrät Ehefrau Sieglinde Rabbes.
Anekdötchen kann Rabbes reichlich erzählen. So trug er früher immer seinen Ehering und seine Armbanduhr. Bis eines der Kinder sagte, dass sei ja gar kein armer Mann, der trage ja eine goldene Uhr. Von da nahm Rabbes Ring und Uhr immer vorher ab. "Einmal hat mir eine Oma mit Enkelkind eine Mark gegeben", sagt Rabbes schmunzelnd. Früher, als er noch kegelte, wurde der Kegelabend extra auf den Samstagmorgen verlegt, damit Rabbes mitkegeln und abends in seine Rolle schlüpfen konnte.
Schietwetter hat Rabbes, wenn er auf seinem Strohhaufen sitzt und auf den St. Martin wartet, auch schon oft erlebt, aber das kann seiner Begeisterung keinen Abbruch tun. "Ich mache es gerne für die Kinder", sagt er. Eins ist dem Süchtelner klar, solange er gesund bleibt, will er auch weiterhin den armen Mann spielen, denn es macht ihm viel Freude "Und wenn ich das mit 80 Jahren noch mache", sagt er voller Elan.
Und wenn dann zum Schluss der Martinszene die Kinder zu ihm kommen und dem armen Mann mal die Hand schütteln wollen, dann weiß Rabbes, dass er seine Sache wieder einmal gut gemacht hat.
Info In Süchteln-Vorst ist der Martinszug am Samstag, 5. November. Aufstellung ist um 17 Uhr an der St.-Franziskus-Kirche, die Bettlerszene auf einer Wiese im Tuppenend.
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