Kreis Viersen: Für Arbeit wieder kämpfen
VON JOCHEN SMETS - zuletzt aktualisiert: 03.05.2007Kreis Viersen (RPO). Die Maikundgebung des DGB hat einen bescheidenen, aber vielversprechenden Neuanfang erlebt. Knapp 100 Besucher kamen nach Nettetal – mehr als erhofft, weniger als befürchtet. Der alte Glanz ist verblasst.
Der ältere Herr mit Gewerkschaftsfahne und Gewerkschafts-Käppi hat die guten alten Zeiten noch erlebt. Als tausende Menschen durch die Straßen Viersens zogen und sich anschließend vor der Festhalle zur Maikundgebung versammelten. Damals war er Betriebsrat bei einem Dülkener Chemie-Unternehmen. Er ist längst pensioniert. Und ein bisschen wehmütig. Gerade mal knapp 100 Leute sind zur DGB-Maikundgebung auf den Brockerhof nach Lobberich gekommen. Der ältere Herr ist dabei. Wie immer. „Heute ist Tag der Arbeit“, sagt er. „Für mich ist es Pflicht, hier zu sein.“
Dass so wenig Leute da sind, kann er nicht verstehen. „Es müsste hier brechend voll sein“, meint er und erinnert an all die Hartz IV-Empfänger. „Vielleicht resignieren viele aber auch.“ Ingo Wochnik, Kreisvorstand des DGB, hat mit noch weniger Besuchern gerechnet. Er weiß: „Viele Arbeitnehmer sind unzufrieden.“ Ihnen wollen Wochnik und sein Team zeigen: „Wir sind hier.“ Die Maikundgebung fiel im vergangenen Jahr aus, jetzt soll die Tradition wieder aufleben. Die Schauplätze sollen wechseln. „Wir gehen dorthin, wo die Probleme aktuell brennen“, sagt Wochnik.
Neun Monate Kampf
Rokal Von der Rokal-Belegschaft waren nur wenige Mitarbeiter gekommen. Detlev Pockrandt zeigte dafür Verständnis. Jeder habe neun Monate Arbeitskampf in den Knochen. Viele hätten kürzlich ihre Kündigung erhalten, die meisten stecken gerade in Bewerbungstrainings.
Stimmung Die Stimmung sei zuversichtlich, so Pockrandt im RP-Gespräch. Die gute Konjunktur gebe allen etwas Hoffnung. Sieben Rokal-Mitarbeiter haben bereits einen neuen Job.
Da war Nettetal in diesem Jahr eine gute Wahl angesichts der Arbeitskämpfe zum Beispiel bei Pierburg und Rokal. Hauptredner ist Rokal-Betriebsratschef Detlev Pockrandt. Er spricht über Eingriffe in Mitbestimmung und Arbeitnehmerschutz, Lohndumping und Behördenschließungen. „Leben wir nur noch in Angst?“, fragt er und gibt die Antwort: „Wir müssen uns wehren. Das geht nur gemeinsam.“ Es gibt Applaus. Immer mal wieder bleiben Radfahrer stehen und hören ein paar Minuten zu. Jede Frau bekommt eine rote Nelke in die Hand gedrückt. Die Gewerkschaften sammeln Sympathiepunkte.
Das versuchen auch die anwesenden Politiker. SPD-Landtagsabgeordnete Monika Ruff-Händelkes erntet dankbaren Applaus für ihre Forderung nach einem Mindestlohn. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer ist davon gar nicht so weit entfernt. „Anständiger Lohn für anständige Arbeit“, lautet seine Parole. „Ein Lohn unterhalb des Existenzminimums ist Ausbeutung“, ruft er. Das kommt an beim Publikum.
Kämpfen, kämpfen – das ist Tenor der meisten Beiträge. Detlev Pockrandt und die Belegschaft von Rokal haben gekämpft. Und verloren. Nur 30 Arbeitsplätze bleiben übrig. 113 Kollegen müssen gehen. Und doch hat es sich gelohnt, so Pockrandt. Neun Monate Kampf, das waren auch neun Monate Arbeit und Lohn. Dabei sei ein Zusammengehörigkeitgefühl gewachsen, eine Solidarität neu entstanden. „Wir haben uns stark gemacht“, sagt Pockrandt.
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