Viersen: Gebremste christliche Politik
VON LUDGER PETERS - zuletzt aktualisiert: 30.11.2006Viersen (RPO). Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinischen Post, diskutierte mit der KKV in Viersen über die Große Koalition. Nach seiner Beobachtung fehlt dem Bekenntnis zu christlichen Werten allzu oft das daraus resultierende Handeln.
Die Große Koalition hat sich noch nicht entschieden, wie christlich sie unser Land regieren will. „Sie ist auch darin ein Abbild unserer Gesellschaft“, stellt Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinischen Post, fest. Auf Einladung der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) in Viersen stellte er sich in der Gesellschaft Erholung der Frage, „wie christlich ist die Politik der Großen Koalition?“
Die Frage ist ebenso komplex wie schwierig zu beantworten. In Berlin regieren zwei Partner, deren Wertefundament nach Gösmanns Eindruck viel weiter voneinander entfernt ist, als es die öffentliche Wahrnehmung mitunter glauben macht. Beide hätten lange gebraucht, um die ihnen vom Wähler übertragene Regierungsverantwortung zu übernehmen. Gösmanns Frage „Wer regiert uns eigentlich?“ mündete in die Feststellung: „Es ist die Koalition der unterschiedlichen Werte oder auch der Wertelosigkeit.“ Bei der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel hat er keine überzeugende Antwort gefunden. Sie wiederhole zwar oft ihr Bekenntnis, „die Bindung an das christliche Menschenbild ist das Fundament der CDU“. Aber über dieses Schlagwort hinausgehende vertiefende Aussagen der Kanzlerin seien ausgeblieben.
Über die KKV
KKV Die Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung betrachtet sich als katholischer Verband der gesellschaftlichen Mitte. Sitz des Bundesverbandes ist Essen, es gibt Diözesan-, Regional- und Ortsverbände. Informationen dazu stehen unter www.kkv-bund.de
Ortsgemeinschaft In ihrem Jahresprogramm beschäftigt sich die KKV in Viersen mit Vorträgen externe Gäste, Diskussionen, Exkursionen und gesellschaftlichen Veranstaltungen.
Gering ausgeprägte Festigkeit
Sven Gösmann hat ohnehin festgestellt, dass „Parteien, die christlichen Werten näher stehen, sich schwerer tun, sie in der Öffentlichkeit zu vertreten“. Sei es nun Ursache oder Folge dessen: In Teilen der CDU sieht er die Festigkeit gegenüber christlichen Grundwerten zunehmend geringer ausgeprägt. Getrieben vom Drang, möglichst viele Wählerstimmen zu gewinnen, verstärke sich die indifferente Haltung noch.
Im politischen Wirken der Großen Koalition spiegele sich christliche Politik aber wider, mitunter auch nur in homöopathischen Dosierungen. Sie entlaste spätere Generationen mit einer Finanzpolitik, die die Staatsverschuldung senke. „Der Erfolg wird dieser Politik Recht geben, da folge ich ihrer Argumentation“, so Gösmann. Und sie verkürze ihre Arbeit nicht mehr auf ökonomische Wirkungen. Der Frage, wie ein Auseinanderdriften der Gesellschaft begegnet werden könne, wünscht Sven Gösmann wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Ansätze seien ja vorhanden. So werde „endlich einmal die Debatte geführt, dass uns Teile der jungen Generation entgleiten.“
Auf die in der Diskussion aufgeworfene Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Christentum und Islam reagierte Gösmann skeptisch. Die Erosion christlicher Grundwerte setze sich in allen wichtigen westeuropäischen Staaten beschleunigt fort. „Die gegenwärtige Stärke des Islams, wie immer man sie wahrnimmt, ist die Schwäche des Christentums. Das erfüllt mich mit Sorge“, sagte er. „Ich sehe in diesem Konflikt das Selbstbewusstsein des Christentums gefordert. Aber ich weiß nicht, wie ausgeprägt es ist.“
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