Viersen: Großartige Geburtstagsfeier
VON OTTMAR NAGEL - zuletzt aktualisiert: 25.09.2006Viersen (RPO). Welch ein Auftakt: Mit einem lupenreinen Konzert legte die WDR Big Band den Grundstein für ein gelungenes Geburtstags-Jazzfestival. Den Schlussakkord setzten Benny Golson und fünf weitere hochkarätige Musiker mit einer Hommage an Clifford Brown.
Kraftakt
Logistik Mehr als 80 Musiker (und damit doppelt so viel wie normal) waren beim 20. Internationalen Jazz Festival Viersen zu hören. Das erforderte einen enormen logistischen Aufwand auf und hinter der Bühne. Viele Helfer sorgten für einen reibungslosen Bühnenauf- und Abbau, für Verpflegung und Service in den Garderoben.
Maria Schneider hatte als Gastdirigentin der WDR Big Band eigene Kompositionen und Arrangements mit einem perfekt abgestimmten Klangkörper erarbeitet. Meist orientiert am Ideal des Wohlklanges verstand sie es immer wieder, diesen durch hintergründig subversive Harmonien gleichzeitig in Frage zu stellen. Auch solistisch konnten sich die Musiker der Big Band neben dem virtuosen Gary Versace (Akkordeon) in Szene setzen.
Zwischen Groove und Chill Out bewegte sich die Musik des Xaver Fischer Trios, moderne Erben von Jazz/Rock und elektronischer Musik, die auf der Basis oft nur weniger Harmonien ihre Stücke entwickelten: Musik, die unmittelbar den Körper anspricht, Tanzmusik der intelligenten Art mit überraschenden Momenten in den Improvisationen auf dem ächzenden Fender Rhodes und eigenständigem Synthesizersound. Der filmischen Bildsequenzen im Hintergrund hätte es gar nicht bedurft.
Begeisterung und Ablehnung
Für manchen Besucher eine musikalische Offenbarung, für andere ein Grund nachzuschauen, was es sonst noch so auf dem Festival gab: Nils Petter Molvaer & Helge Sten zelebrierten ihre reduzierte, programmatisch klangmalerische Musik zwischen Gesang der Buckelwale und landschaftlicher Weite in selbstgewählter Abgeschiedenheit und Konzentration auf großer Bühne. Minimalistisch, viele elektronische Sounds, Klangflächen, schwebende Bilder, mal ein kurzes Trompetensolo ohne Klangmodulation – in ihrem speziellen Verständnis von Zeit und Raum verlangten die beiden Norweger dem Publikum einiges ab. Einfach konsumieren, das ging nicht.
Mit großem Elan traten am Samstag die Mannen von European Jazz Ensemble um Ali Haurand auf. Die Themen im Bläsersatz kompakt, die Rhythmusgruppe harmonisch wie die Arrangements – einfach großartig. Tolle Bassfiguren als Ostinato zu den Themen, Rob van den Broeck am Piano als Intensitätssteuerer und dem impulsiven Tony Levin am Schlagzeug als treibende Kraft. Die Solisten waren alle in bestechender Form, jeder brachte sein Musikverständnis in die Gruppe ein. Den Tenorsaxophonisten blieb eine Hommage an John Coltrane vorbehalten; er wäre am Samstag 80 Jahre alt geworden.
Jazzlegende Peter Herbolzheimer präsentierte mit seiner Rhythm Combination & Brass ein klassisches Big-Band-Programm, bei welchem der Altmeister seine Kunst der Orchestrierung unter Beweis stellte. In jeder Stilistik authentisch schlug er einen Bogen vom Broadway bis hin zum Funk. Trompeter Ack van Rooyen, aber auch Bart van Lier ( Posaune ), Gitarrist Peter Tiehuis oder Klarinettist Oliver Leicht sorgten für solistische Akzente. Sängerin Judy Niemack überzeugte mit der Ballade „One More Time“ und scatete im Duett mit van Rooyen, während Herbolzheimer sich in der Kunst humoriger Moderation übte.
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