Viersen: Jung und Alt auf Bühne 2
VON DIETER MAI - zuletzt aktualisiert: 22.09.2008Viersen (RPO). Die Berliner Band Cyminology vereint Musiker aus vier Nationen zu einem spannenden interkulturellen Jazz-Projekt. Da verbanden sich Texte aus der klassischen persischen Dichtkunst mit Harmonik und Melodik einer urban geprägten Auffassung von Modern Jazz. Aus diesem Spannungsfeld schöpfte das Spiel der Band eine ganz eigene Dynamik, lyrische Passagen wechselten sich ab mit vorwärts treibenden rhythmischen Elementen. Neben den von Sängerin und Komponistin Cymin Samawaties sirenenhaft-modern verjazzten arabischen Versen war es immer wieder der in Indien gebürtige Drummer Ketan Bathi, der durch archaisch anmutende Rhythmen westliche Hörgewohnheiten aufbrach und die Zuhörer in unbekannte Gefilde entführen half.
Was die Akkordeonisten Arnaud Méthivier und der seit dem fünfzehnten Lebensjahr erblindete Otto Lechner, als Duo kurz Arnotto, aus ihren Instrumenten hervorbrachten sprengte jegliche Erwartungshaltung. Da erklang kurz einmal der Widerhall eines Blues-Themas, dann schien sich aus der Ferne das mechanische Flattern von Rotorblättern zu nähern; Fragmente scheinbar elektronischer Musik, die sich, konterkariert durch eine kehlige Gesangseinlage Lechners, als so analog herausstellt, wie Musik nur eben sein kann: das Strömen von Luft über Membranen, diese in Schwingung versetzend, gebiert den Klang. In freier Improvisation über einen gemeinsamen Themen-Kanon erschuf Arnotto Soundtracks zu ungesehenen Filmen, akustische Fußnoten zur Symphonie des endlichen Lebens. Das Duo gönnte dem Publikum keinen Raum für einen Zwischenapplaus, empfing die stehenden Ovationen am Ende gefasst.
Beim Duo Heinz Sauer und Michael Wollny traf jung auf alt, Wuschelkopf auf Glatze, ungestüm auf erfahren, ohne dass nur einen Moment lang der Eindruck einer künstlich konstruierten Spannung entstand. Im Gegenteil war es gerade die fast überwältigende Selbstverständlichkeit zwischen den beiden Protagonisten, die das Publikum in einen Bann zog. Wenn Wollny über die Tasten irrwischte, blieb Sauers Tenorsax um so gelassener. Im freien Zusammenspiel der beiden wurde einmal mehr auf diesem Festival deutlich, dass Improvisation im Sinne bis an die akustische Schmerzgrenze gehender Klangforschung endgültig ausgedient hat. Da durfte gerne auch mal ein Hauch von Gershwin erklingen. Zelebriert wurde nichts weniger als die Befreiung der Melodie.
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