Viersen: Kind ohne Mutter
VON JOACHIM NIESSEN - zuletzt aktualisiert: 20.10.2008 - 12:53Viersen (RPO). Die Schüsse fielen Anfang März an der Gartenstraße in Viersen: Ein Mann tötete seine Ehefrau. Auch die zweijährige Tochter war zur Tatzeit in der Wohnung. Der Fall beschäftigt derzeit das Familiengericht: Es geht ums Sorgerecht.
4. März 2008: Es war der Hochzeitstag des Paares. Sie eine 36-jährige Frau aus Mazedonien, er ein 50-jähriger Deutscher. Dazwischen die zur Tatzeit knapp über zwei Jahre alte gemeinsame Tochter. Sicher ist heute, dass es kein friedlicher Tag war. Streit und Alkohol bestimmten den frühen Abend.
Laut Polizeibericht fielen gegen 18.30 Uhr mehrere Schüsse in der Wohnung im Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses an der Gartenstraße in der Viersener City. Das Kind soll den alarmierten Beamten die Wohnungstür geöffnet haben. Ihnen bot sich das grausame Ende eines Familiendramas: Die junge Frau starb auf dem Weg ins Krankenhaus, der Mann konnte gerettet werden.
Er soll die tödlichen Schüsse auf die 36-Jährige abgegeben haben. Der 50-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Für Ende des Jahres ist der Strafprozess gegen ihn geplant. Die Anklage soll auf Totschlag in einem minderschweren Fall lauten.
Zukunft der Enkelin
Für die zweijährige Tochter änderte sich an diesem 4. März das Leben schlagartig. Noch am Tatort wurde das Kind in die Obhut des Jugendamtes und von dort an eine Pflegefamilie übergeben. Derzeit beschäftigt das Mädchen in einem zivilrechtlichen Verfahren das Viersener Amtsgericht.
Es geht um das Sorgerecht für die Zweijährige, um das sich der inhaftierte Vater und die 60-jährige Großmutter des Mädchens streiten: „Mir ist meine Tochter genommen worden, ich kämpfe jetzt für die Zukunft meiner Enkelin. Ich will sie nicht auch noch verlieren“, sagt die Mazedonierin. Für das Kind soll die Oma in seinem kurzen Leben ein wichtiger Bezugspunkt gewesen sein.
Rund ein Jahr war sie mit der Enkelin zusammen. Mehrfach wohnte die 60-Jährige für einige Monate bei Tochter und Schwiegersohn in Viersen und kümmerte sich um die Kleine. Ausgedehnte Gegenbesuche in Mazedonien folgten. „Es hat sich eine enge Beziehung zwischen uns beiden entwickelt“, versichert die Großmutter.
Doch seit den tödlichen Schüssen im März ist das vorbei. Das Jugendamt bestimmt über den Aufenthaltsort der Zweijährigen, die noch immer in einer Viersener Pflegefamilie untergebracht ist. Regelmäßiger Kontakt zur Großmutter wurde unterbunden. Erst einem kurzen Treffen zwischen Oma und Enkelin soll das Amt aus „humanitären Gründen“ bisher zugestimmt haben.
„Das war am 8. Oktober, wir standen beide unter permanenter Aufsicht“, beschreibt die Frau die Situation. „Ich habe mich gefreut, weil sie mich erkannt hat.“ Doch: Berühren oder auf den Arm nehmen durfte sie das Mädchen nicht. Auch hatte die Behörde ihr vorab strikt untersagt, mit der Enkelin Mazedonisch zu reden.
Verzweifelt kämpft die 60-Jährige vor Gericht derzeit gegen den Vater des Kindes um das Sorgerecht. „Erst wurde das Kind durch diesen Mann um seine Mutter gebracht. Ich habe Angst, dass es jetzt noch um seine Vergangenheit beraubt wird“, sagt die Großmutter verzweifelt. „Auch mit der Tat muss sich meine Enkeltochter irgendwann auseinandersetzen. Und das soll an der Seite desjenigen geschehen, der ihre Mutter erschossen hat?“
Das Jugendamt der Kreisstadt wollte sich schon aus Gründen des Datenschutzes zu dem Geschehen nicht äußern. Der nichtöffentliche Prozess vor dem Viersener Familiengericht geht in dieser Woche weiter.
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