Viersen: Krankenfahrt zu versteigern
VON MARC CATTELAENS - zuletzt aktualisiert: 23.07.2008Viersen (RPO). Die Dialyse wurde durchgeführt, der Patient möchte schnell mit dem Taxi nach Hause. Doch das geht nicht, denn der Fahrer muss noch auf weitere Mitfahrer warten – wenn er die Fahrt bei der Krankenkasse ersteigert hat.
Der Segen der Technik ist bei genaueren Hinsehen oft ein Fluch. Das findet zumindest Gereon Gelisen vom Viersener Taxiunternehmen Gereonsplatz. Er kritisiert, dass manche Krankenkassen dazu übergegangen seien, so genannte Patientenfahrten im Internet zu versteigern.
Das funktioniert nach einem einfachen Schema: Ein Kunde der Krankenkasse benötigt in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Behandlung vom Arzt. Dorthin kann er jedoch nicht selbst gelangen, sondern benötigt ein Taxi. Also schreibt die Krankenkasse die Fahrten im Internet aus. Die Taxiunternehmen bekommen Zugangsdaten, mit denen sie sich online im System anmelden und ein Angebot abgeben können. Der preiswerteste Anbieter erhält den Zuschlag.
Keine Beschwerden
Mehrfachbelegung Bei der Barmer Nordrhein habe sich bislang noch kein Patient über Wartezeiten im Taxi beschwert, sagt Sprecherin Tanja Koch. Ihre Krankenkasse schreibe bei den Versteigerungen nicht durchgängig Mehrfachbelegungen des Taxis vor.
Bewertung Mitglieder-Befragungen aus dem Jahr 2005 hätten ergeben, dass Barmer-Kunden mit dem System der Versteigerungen sehr zufrieden seien, so die Sprecherin.
Für Dumpingpreise arbeiten
„Dadurch wird die Preisschraube immer weiter nach unten gedreht. Die Unternehmen, die den Zuschlag erhalten, müssen für Dumpingpreise arbeiten. Ich kann mir nicht erklären, wie das noch wirtschaftlich sein soll“, sagt Gereon Gelisen. In Internetforen kalkulieren Insider, dass, wer bei den Versteigerungen zum Zuge kommen möchte, nicht mehr als 30 Prozent des öffentlich ausgehandelten und vom Kreis vorgeschriebenen Taxipreises ansetzen sollte. „Wie soll man da noch Gewinne erwirtschaften?“, fragt sich Unternehmer Gelisen. Die Spritpreise seien so hoch, dass man eigentlich nur noch über die Personalkosten sparen könne. Und Taxifahrer verdienen bekanntlich eh kein Vermögen. Tanja Koch, Pressesprecherin der Krankenkasse Barmer, die in Viersen Patientenfahrten über das Internet versteigert, könne Gelisens Unmut verstehen. „Andererseits können wir durch dieses System im Bereich Krefeld (zu dem auch Viersen gehört, d.Red.) Kosteneinsparungen von 27 Prozent erzielen. Diese Einsparungen sind natürlich im Interesse der Solidargemeinschaft“, sagte Koch gestern auf Anfrage.
Die Taxiunternehmen seien nicht die einzigen Leidtragenden an den Versteigerungen, betont Gelisen. „Das geht voll zu Lasten des Patiente.“ Der könne sich nämlich nicht länger aussuchen, von welchem Unternehmen er gerne gefahren werden möchte. Das Schlimmste aber sei, dass bestimmte Krankenkassen verlangten, dass das Taxi bei den Krankenfahrten mehrfach belegt sei. „Dadurch ergeben sich für die Patienten oft unzumutbare Umstände“, kritisiert Gelisen.
So sei es bereits vorgekommen, dass ein Patient vom Arzt eine Dialyse erhalten habe und „anschließend verständlicherweise schnell nach Hause wollte“. „Das ging aber nicht, weil der Taxifahrer noch längere Zeit auf weitere Patienten warten musste, die sich noch in der Behandlung befanden“, berichtet der Unternehmer.
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