Viersen: Lehrer in der Milchviehhaltung
VON EBERHARD LANGE - zuletzt aktualisiert: 10.11.2008Viersen (RPO). In einer Fortbildung sahen sich Lehrer aller Schulformen aus Krefeld, Mönchengladbach und dem Kreis Viersen auf den Höfen der Familien Tobrock und Heitzer um. Viele wollen mit ihren Klassen demnächst zurückkehren.
Lobberich/Hinsbeck Elke Fazius, Lehrerin an der Grundschule in Leuth kam mit dem Fahrrad. Ihre Kollegen reisten mit den Autos an. Gemeinsames Ziel der Lehrer aus dem Kreisgebiet und darüber hinaus waren der Quinkertzhof im Sassenfeld und der Helfeshof in Hinsbeck-Wevelinghoven. Zwei Stunden lang waren sie im Kuhstall beschäftigt. Für die meisten war dies eine Premiere. Sie werden demnächst mit ihren Schülern Bauernhöfe besuchen. „Viele Kinder glauben, die Milch wüchse im Tetrapack. Wir haben noch eine Menge an Wissen zu vermitteln“, meinte Heinz-Jürgen Louven, der an der Krefelder Realschule unterrichtet.
„Lernort Bauernhof“ war das Stichwort eine Fortbildung für acht Lehrer und 24 Lehrerinnen aus allen Schulformen. Die Stiftung „Stadt und Land NRW“ hatte die Fortbildung ermöglicht, gefördert vom Landwirtschaftsministerium NRW. Im Sassenfeld erläuterten Ricarda (31) und Ralf Tobrock ihr Gehöft. In der Familie wachsen zwei Kinder heran, für die ein Bauernhof kein Buch mit sieben Siegeln ist. Die Lehrer lernten dagegen an diesem Tag eine ganze Menge hinzu.
Faire Preise
Milchpreis Ein Teil der Preiserhöhung in den Supermärkten kommt nach Angaben von Heinz Heitzer bei den Bauern an.
Standort Das Klima am Niederrhein fördert die Milchproduktion. Allerdings sei durch die Konkurrenz mit Gemüsebauern und Baumschulen die Landpacht hoch.
Verbraucher Nach Marktanalysen sind die Verbraucher prinzipiell nicht bereit, mehr zu bezahlen. Sie haben beispielsweise den Milchkonsum zuletzt gesenkt.
130 Milchkühe
Die Tobrocks bewirtschaften mit 130 Milchkühen. Zupass kam der Bäuerin ihre Ausbildung zur Sozialpädagogin mit Zusatz „Erlebnispädagogik Bauernhof“. Vorbereitet hatte sie acht Lernstationen vom Misthaufen über Futterstelle, Melkstand und Kälberstall. Beeindruckt hat die Lehrer nicht nur die tätige Arbeit, sondern der enorme bürokratische Aufwand. An Stationen sollen Schüler eigenständig arbeiten mit „Kopf, Herz und Hand“.
Nach einem kleinen Imbiss auf dem Helfeshof schilderten Erika und Heinz Heitzer die „betriebswirtschaftlichen Zwänge zum Wandel“. Einer ihrer vier Söhne hat die landwirtschaftliche Lehre und ein Technikerstudium absolviert. Der Milchviehbestand sollte von 100 auf 180 Tiere aufgestockt werden. Doch der Bau neuer Stallungen im Westen des Ortes für 1,2 Millionen erschien zu risikoreich. Der Familienrat entschied, die Milchviehhaltung aufzugeben. Am 31. März wurde letztmals gemolken, die Kühe wurden abgegeben.
In die Ställe zogen 40 Kälber des Bauern Tobrock. Seitdem kooperieren beide Höfe. „Wir ziehen die Kälber groß, bis sie trächtig sind“, so Heitzer. Das zweite Standbein seien der Hofverkauf und während der Kürbiszeit (August bis Oktober) das Bauerncafé.
Dr. Hildegard Freiberg, Beratungsleiterin bei der Landwirtschaftskammer in Viersen, stellte in der Diskussion klar: Der Wahl „wachsen oder weichen“ könne sich kein Landwirt verschließen. Jeder Bauer müsse seinen eigenen Weg finden.
„Hierher werden wir ganz sicher demnächst mit den Grundschülern kommen“, kündigte Sabine Nießen-Fiebig von der nicht allzu weit entfernten Gemeinschaftsgrundschule Lobberich später an.
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