Kreis Viersen: Mädchen wird Vollwaise
VON INGRID FLOCKEN, GABI LAUE UND BIRGITTA RONGE - zuletzt aktualisiert: 20.08.2009Kreis Viersen (RPO). Die Schreckenstat eines Rentners, der am Dienstagabend drei Menschen tötete, hat eine 13-Jährige aus Brüggen zur Vollwaise gemacht. Der 71-Jährige erschoss den Vater des Kindes. Die Mutter starb im vergangenen Jahr.
Ein unfassbarer Schicksalsschlag ist die Bluttat von Amern für eine 13-Jährige, die der schießwütige Rentner zur Vollwaisen gemacht hat. Ihr Vater Michael Rosenkranz (48) war als Mitarbeiter des Vermessungs- und Katasteramtes des Kreises in das zur Zwangsversteigerung anstehende Haus gekommen. Erst im vergangenen Jahr hatte Rosenkranz seine Frau beerdigt, die nach der Geburt der Tochter ins Koma gefallen war.
Schützen trauern um einen Freund
Die Familie hatte in Brüggen-Born gewohnt, die Großmutter in Tönisvorst kümmerte sich um die Enkelin. Michael Rosenkranz war beliebt. Die St.-Antonius Schützenbruderschaft Born, in der er seit 26 Jahren Mitglied war, trauert um einen Freund.
Der 48-Jährige zog im Zug der Wallensteiner auf, im April war er Vereinsmeister im Luftgewehr-Schießen geworden. Rosenkranz engagierte sich: im Heimatverein St. Peter Born, der für das Mädchen jetzt ein Spendenkonto eingerichtet hat, und als Kassierer im Reit- und Fahrverein Born.
Spende für Mädchen
Spenden Die Heimatfreunde St. Peter Born haben für die 13-jährige Tochter des Getöteten aus Brüggen ein Spendenkonto eingerichtet bei der Volksbank Brüggen-Nettetal, BLZ 310 621 54, Kontonummer 31 06 21 54, Spendenkonto Rosenkranz.
Trauer In der Eingangshalle des Kreishauses in Viersen liegt ein Kondolenzbuch aus, in das sich Mitarbeiter der Kreisverwaltung und Besucher eintragen können.
Der Dülkener Anwalt Hermann Pötter (70), ebenfalls ein Opfer des Todesschützen, war 20 Jahre in der CDU für seine Heimatstadt engagiert. Er sei nie ein Machtpolitiker gewesen, habe aber immer den CDU-Vorsitz als sein "schönstes Amt" bezeichnet, erinnert sich sein Nachfolger Michael Aach.
Im Verkehrs- und Verschönerungsverein Dülken war Pötter ebenso aktiv wie auf sozialer Ebene: 1958 gründete er mit Freunden den Stammtisch "Kathrinchens Samstag-Jonges", der die psychiatrische Hilfsgemeinschaft in Süchteln unterstützte, sich für die Restaurierung der Orgel an St. Cornelius und den Brunnen auf dem Alten Markt einsetzte.
Das dritte Opfer Jens Kunkel (38), der in Lobberich eine Kanzlei betrieb, galt bei Kollegen als sachlich und zurückhaltend. Gemeinsam feierten die Nettetaler Anwälte alljährlich Karneval, erinnert sich der Anwalt Jürgen Boyxen an den jungen Familienvater: "Er war keine Stimmungskanone, aber gern dabei."
In Schwalmtal wehen die Flaggen auf Halbmast, ebenso vor dem Kreishaus in Viersen. "Jeder denkt, so etwas kann doch bei uns nicht passieren", sagt Schwalmtals Bürgermeister Reinhold Schulz, nun müsse man versuchen, "mit dem Unfassbaren irgendwie fertig zu werden".
Am Margeritenweg in Amern sind die Anwohner geschockt. Fernsehteams belagern die umliegenden Straßen, ein Katastrophentourist aus Marl hat Blumen vor das Haus gelegt. Noch am Samstag hatte die Nachbarschaft gemeinsam ein Sommerfest ausgerichtet, das Motto: Karibische Nacht.
Was nun passierte, sei "irgendwie nicht real", sagt die junge Nadine Berger, die von ihrem Elternhaus aus für einen Verletzten den Krankenwagen rief, "ich habe mich die ganze Nacht gefühlt, als liefe da ein Film ab."
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