Viersen: Mauerfall verschlafen
VON ROBERT RIST - zuletzt aktualisiert: 07.11.2009Viersen (RPO). Karin und Stephan Klaue wurden beide in Brandenburg geboren. Sie waren bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Chemnitz dabei und engagieren sich noch immer gegen Vergangenheitsverklärung und Gleichgültigkeit.
Die Öffnung der Mauer haben Karin und Stephan Klaue buchstäblich verschlafen. "Die Tragweite von Günter Schabowskis Aussage haben wir unterschätzt", erzählt Stephan Klaue über seine Erinnerungen an den 9. November 1989, "nach unserem Kirchenchorbesuch sind wir wie gewöhnlich um 23 Uhr schlafen gegangen. Gegen zwei Uhr in der Nacht riefen dann Freunde aus Berlin an, es war furchtbar laut im Hintergrund und sie fragten nur: Wo bleibt Ihr?"
1991 Übersiedlung nach Viersen
Eine Woche danach haben die Klaues dann doch noch die Grenze überschritten und den Westen Berlins besucht. 1991 ging es für das Ehepaar und die beiden Töchter komplett nach Westdeutschland, und zwar nach Viersen. Grund waren sowohl berufliche Überlegungen als auch das "Wagnis eines Neuanfangs". In das Hochgefühl nach der Wende schlichen sich relativ schnell Zukunftsängste. "Kaputte Straßen und Häuser, außerdem machte meine Firma zu", erzählt Stephan Klaue. Als er dann das Angebot bekam in Mönchengladbach zu arbeiten, beschlossen sie gemeinsam nach Viersen zu ziehen.
Die öffnenden Worte
9. November Günter Schabowski als hoher SED-Funktionär sagt den historischen Satz: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen[...] in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise [...] zu erteilen, ohne dass dafür noch die Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen." Damit war die Grenze offen.
Hier fühlen sie sich mittlerweile wohl. Das kulturinteressierte Paar hatte am 9. Oktober den Themenabend in der evangelischen Kreuzkirche zu 20 Jahren Mauerfall organisiert. Sie sind Mitglieder in der Gruppe 2000, die mehrmals im Jahr Themenabend zu wichtigen sozialen Fragen, wie etwa alternativen Energien, organisiert. Dieses Engagement steht ganz im Zeichen ihres Lebensmottos: "Nicht nur meckern, sondern auch versuchen etwas zu ändern." Veränderungen waren den beiden Teilnehmern der Montagsdemonstrationen in Chemnitz auch schon in der rigiden DDR wichtig. Sie engagierten sich in der Kirche und nahmen auch an der Bürgeinitiative "Neues Forum" teil, deren Ziel es war, den Sozialismus zu reformieren. "An eine Wiedervereinigung war damals ja überhaupt nicht zu denken", erinnert sich Stephan Klaue.
Dass die DDR mehr als nur Vergangenheit für das Ehepaar ist, belegen nicht nur die vielen Bücher zu dem Thema. Sie stören sich daran, dass "die DDR mittlerweile oft verklärt wird." Niemand habe hungern oder frieren müssen, erinnern sie sich. "Doch die fehlende Meinungs- und Reisefreiheit war schon schlimm", berichtet Stephan Klaue, "auch wenn niemand dazu gezwungen worden ist, in die Partei oder in die Stasi einzusteigen."
Etwas aus dem Osten vermissen sie nicht. Sie sind noch zwei Mal im Jahr da, aber die meisten Freunde sind auch schon längst weggezogen.
Der Westen ist kein Paradies
Den Weggang aus Chemnitz bereuen die Klaues auch nicht. Sie haben sich vor kurzem ein Haus gebaut und planen, die nächsten Jahre in Viersen zu verbringen, auch wenn Karin Klaue meint, dass "der Westen auch nicht das Paradies ist." FRAGE DES TAGES
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