Kreis Viersen: Problem-Karrieren
VON GABI LAUE - zuletzt aktualisiert: 05.01.2008Kreis Viersen (RPO). In Schloss Dilborn landen jugendliche Intensivtäter, das Bethanien-Kinderdorf nimmt Kinder aus kriminellen Familien auf. Beide Jugendhilfe-Einrichtungen sehen Erziehungs-Camps nicht als den Königsweg.
Noch nicht oder gerade eben strafmündig, aber mit hohem kriminellem Potenzial: Immer mehr jugendliche Intensivtäter lassen den Ruf nach hartem Drill laut werden. Die Nachfrage nach geschlossenen Plätzen in der Jugendhilfe steigt. Klaus Esser, Leiter des Bethanien Kinder- und Jugenddorfs Waldniel, und Guido Royé, Leiter der Jugendhilfe-Einrichtung Schloss Dilborn in Brüggen, halten Erziehungscamps allein nicht für die Lösung. Beide glauben auch, das Problem habe die Gesellschaft teils selbst verursacht: durch Spardruck auf die Jugendhilfe-Kosten.
Spardruck rächt sich
Klaus Esser spürt in Bethanien seit Jahren den Kostendruck der Kommunen: „Wir als Jugendhilfe-Fachleute haben immer darauf hingewiesen, dass sich das Sparen am falschen Ende rächt.“ Das sieht Guido Royé genauso: „In jeder Biografie gibt es einen Haken: keine zeitige Konsequenz. Das liegt daran, dass an entscheidender Stelle Finanzmittel gekürzt wurden.“ Jugendliche werden nicht plötzlich aggressiv, weiß Klaus Esser, sie haben eine Problemkarriere hinter sich. Warum nicht früher etwas unternommen wird? Esser: „Pädagogen geben eine klare Antwort: Eltern wurden aufmerksam gemacht, aber haben die Probleme nicht erkennen wollen.
Modellprojekt
Pioniere Der Justizminister (Baden-Württemberg ist neue Wege gegangen. Seit 2003 gibt es zwei Einrichtungen für innovativen Jugendstrafvollzug: Projekt Chance in Creglingen und Seehaus Leonberg. Mit dem „Projekt Chance“ startete das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) 2003 ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt: Jugendstrafvollzug in freien Formen – Training statt Haft – in einer Jugendhilfeeinrichtung Internet www.cjd-creglingen.de; www.prisma-jugendhilfe.de
Klientel Mehrfach- und Intensivtäter von 14-18 Jahren (Seehaus bis 21), die erstmals zu Strafe ohne Bewährung verurteilt wurden.
Hilfsinstitutionen werden in Anspruch genommen, aber nur solange nicht zuviel gefordert wird. Das Jugendamt hat nicht oder zu spät oder mit nicht ausreichenden Hilfen reagiert. Das ist auch ein Ergebnis des Kostendrucks, der auf den Jugendämtern lastet und der Sozialarbeiter entscheidungs- und handlungsunfähig macht.“ Es sei zynisch, aber es brauchte den Fall Kevin und das Medieninteresse an vernachlässigten Kindern, „um in Jugendämtern wieder Entscheidungen für die Unterbringung in Heimen und Kinderdörfern zuzulassen“. Erziehung fängt beim Kleinkind an, stellt Klaus Esser klar. „Wenn es bis zum Jugendlichen nicht gelungen ist, Vertrauen und Respekt zu entwickeln, kann das auch kein Erziehungscamp leisten, höchstens eine gute Jugendhilfe-Einrichtung.“
Mit solchen Camps hätte man eine Tat wie den brutalen Übergriff auf einen Rentner in München nicht verhindert, ist Guido Royé überzeugt. „Mit diesen Maßnahmen erreicht man nur einen Teil der Zielgruppe. Die Tätergruppe verhält sich aber nicht homogen.“ Gesondert betrachtet werden müssten Intensivtäter mit Migrationshintergrund. Es gehe um einen anderen kulturellen Hintergrund, und es gebe Täter aus Flüchtlingsfamilien, die auf der Flucht selbst Gewalt erlebt haben – Jugendliche mit schweren Traumata: „Das Problem wird nicht gewürdigt.“ Im November wird eine Fachtagung auf Schloss Dilborn diesen Fragen nachgehen und Antworten erkunden. Royé: „Wir bleiben am Ball.“
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