Viersen: Tod im "Chatroom"
VON JOACHIM NIESSEN - zuletzt aktualisiert: 25.04.2009Viersen (RPO). Der 20-jährige Kevin Kalesse ist tot. Seit Anfang März war der junge Viersener spurlos verschwunden. Jetzt fand ein Nachbarkind die Leiche in einem Kellerraum. Kevin hat sich erhängt.
Es ist für die Eltern von Kevin Kalesse grausame Gewissheit: Ihr Sohn lebt nicht mehr. Verzweifelt haben Polizei und vor allem die Familie seit dem 12. März – dem Tag an dem Kevin spurlos verschwand – nach dem 20-Jährigen gesucht. Gefunden hat ihn am Donnerstag ein Nachbarkind in einem von innen verschlossenen ehemaligen Brikettraum im verwinkelten Keller eines Mehrfamilienhauses an der Hardter Straße, in dem Kevin zusammen mit seiner Mutter gelebt hat. Einem süßlichen Geruch im Kellerbereich soll das Nachbarskind in den Abendstunden nachgegangen sein. Da die Tür zu besagtem Raum verschlossen war, schaute es von außen durch ein kleines Fenster. "Es sah unseren Sohn, der sich dort erhängt hatte", so Vater Walter Kalesse gestern gegenüber der Rheinischen Post.
Vorbeugung
Benutzer Chaträume (engl. chatroom) haben, je nach System, Funktionen entsprechend Vorbildern aus der realen Welt. Es lassen sich Chaträume auf ausgewählte Benutzer beschränken oder Benutzer in einen Chatraum einladen. Meist ist ein Chatraum an ein Thema gebunden.
Umgang Informationen sowie Ansprechpartner für Eltern zum richtigen Umgang der Kinder mit dem Internet gibt unter anderem das Kommissariat Vorbeugung der Polizei Viersen, Ruf 02162 3770.
Schuld, dass der tote Körper des 20-Jährigen über Wochen nicht gefunden worden war, obwohl er sich quasi nur wenige Meter von der Wohnung entfernt befand, gibt der 53-Jährige niemandem: "Die Polizei hat ihr Möglichstes getan. Damit konnte niemand rechnen."
Für die getrennt lebenden Eltern kam der Suizid ihres Sohnes nicht völlig unerwartet. Eine Woche vor dem Verschwinden wollte sich Kevin vom Rothenfels bei Alzey in der Nähe von Worms stürzen. Er wurde in die dortige Psychiatrie eingewiesen. "Ich hatte ihn später wieder abgeholt", berichtet der Vater. Bereits im Januar hatte es einen ersten Selbstmordversuch mit Autoabgasen gegeben. "Aufgrund des zu geringen Durchmessers des Schlauches war dieser glücklicherweise fehlgeschlagen", sagt Walter Kalesse.
Auslöser für den Freitod seines Sohnes sind für den 53-Jährigen spezielle Chatrooms im Internet. "Er hatte keine Freunde und lebte in einer virtuellen Welt im Internet. Er hielt sich dort oft in speziellen Räumen auf, in denen Personen mit suiziden Gedanken unterwegs waren", so der Vater. "Das ist für uns auch der Grund, dass wir trotz aller Tragik an die Öffentlichkeit gehen. Sein Tod ist für uns entsetzlich. Doch vielleicht war er nicht ganz sinnlos, wenn wir jetzt andere Väter und Mütter davor bewahren können, dass mit ihren Kindern ähnliches geschieht." Walter Kalesse appelliert eindringlich an Eltern, sich frühzeitig mit dem Internetverhalten ihrer Söhne und Töchter auseinanderzusetzen. "Irgendwann kommt sonst ein Punkt, an dem man vielleicht keinen Zugang mehr zum eigenen Kind bekommt. Es lebt in seiner eigenen Welt, gegen die wir den Kampf um unseren Sohn verloren haben."
Diese grundsätzliche Gefahr sehen auch die Experten der Polizei. "Vorbeugung ist hier besonders wichtig", erklärt Kriminalhauptkommissarin Antje Heymanns. "Hinweise zum richtigen Umgang von Kindern mit diesen Medien gibt nicht nur die Polizei. Hier ist ein richtiges Netzwerk entstanden." Kevin Kalesse konnte es nicht helfen. Die Urne des 20-Jährigen wird in der nächsten Woche in Viersen beigesetzt.
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