Schwalmtal: "Wer erwartet eine solche Tragödie vor der eigenen Haustür?"
VON KERSTIN DE HAAS - zuletzt aktualisiert: 19.08.2009 - 17:21Die Blutspuren vor dem schmucken Eigenheim im niederrheinischen Schwalmtal sind auch einen Tag nach der Tragödie noch deutlich zu erkennen. Anwohner haben Blumen und Kerzen vor dem Absperrband der Polizei niedergelegt, schütteln im Vorbeigehen fassungslos den Kopf. Das kleine Schwalmtal-Amern mit seinen 8000 Einwohnern ist in einem Schockzustand. "Es ist einfach nur schrecklich", so einer der Anwohner.
Um 12 Uhr haben heute Mittag in Amern alle Kirchenglocken geläutet - im Gedenken an die Menschen, die gestern in dem Schwalmtaler Ortsteil einer schrecklichen Bluttat zum Opfer fielen. Getötet wurden zwei Anwälte und ein Gutachter - Unbeteiligte, die in einen Familienstreit gerieten.
Anwohner legten am Mittwoch vor dem Absperrband um den Tatort Blumen und Kerzen nieder. Der Landrat des Kreises Viersen, Peter Ottmann (CDU), zeigte sich betroffen. Es herrsche "tiefe Trauer und großes Entsetzen über die Tat", erklärte er. Vor dem Kreishaus wehen die Fahnen auf Halbmast, im Innern liegt ein Kondolenzbuch aus.
Die Nachbarn sind auch am Tag danach noch völlig fassungslos. "Mir tut es so leid für die Menschen, die gar nichts damit zu tun hatten", sagt Sven Engelmann, der nur ein paar hundert Meter entfernt wohnt. Als er gestern Abend aus dem Fenster schaute und die vielen Polizisten sah, dachte er erst, es würde eine Übung stattfinden. "Man rechnet ja nicht damit, dass hier mal einer ausflippt", sagt er.
"Wir sind doch so ein ruhiger Ort hier, wer erwartet denn eine solche Tragödie vor der eigenen Haustür?", fragt Tankstellenbesitzer Hans-Paul Gisbertz. In seinem kleinen Shop gibt es an Mittwochmorgen kein anderes Thema. "So viel Polizei und Kameras, ich dachte, ich bin im falschen Film. Es war einfach nur fürchterlich", sagt eine Kundin, während sie ihre Tankrechnung bezahlt.
"Ich werde da einfach nicht schlau draus", sagt ein 81-jähriger Nachbar. "Das war eine ruhige Familie." Andere berichten dagegen von "häufigem Zoff" in dem Nachbarhaus. Auch die Polizei sei bereits öfter da gewesen, sagt Nachbar Hans Jürgen Heinrichs, der das Verbrechen von seinem Nachbarhaus aus am Dienstag hautnah miterlebte. Nach der Trennung des Ehepaares habe nur noch die Frau in dem Eigenheim gewohnt.
Waltraud Ravichandran, die ebenfalls in der Nähe des Tatortes wohnt, hatte vor allem große Angst um ihre 16-jährige Tochter. "Sie war unterwegs, und ich habe sie zunächst nicht erreichen können", sagt die 40-Jährige. "Es wusste ja keiner, ob der Mann nicht auch draußen noch um sich schießt."
Nichts ist, wie es einmal war
Für eine andere Mutter von zwei kleinen Kindern ist nach der Bluttat in Schwalmtal nichts mehr so, wie es einmal war. "Alle reden nur noch über diese schreckliche Geschichte, selbst im Kindergarten", sagt die 25-Jährige. "Ich habe jetzt ein ganz mulmiges Gefühl, wenn ich mit meinem Kinderwagen über die Straße gehe."
Bis Amern wieder der ruhige Wohnort von früher werde, dürfte wohl noch einige Zeit vergehen, sagt auch Tankstellenbesitzer Hans-Paul Gisbertz.
Unbeteiligte in der Famlienfehde
Bei der Familientragödie waren am Dienstagnachmittag drei Menschen getötet und ein weiterer lebensgefährlich verletzt worden. Ihre Identität steht inzwischen fest: Zwei von ihnen sind Anwälte - aus Viersen und Nettetal, der dritte Tote ist ein Gutachter der Kreisverwaltung. Der Schwerverletzte ist der Gladbacher Ratsherr Bernd Püllen, ebenfalls Gutachter des Kreises.
Alle vier waren Unbeteiligte in der Famlienfehde, die offenbar der Hintergrund für die schreckliche Bluttat ist. Sie waren beruflich vor Ort. Trafen dort auf den mutmaßlichen Täter und dessen Tochter, um den Wert des Wohnhauses für eine Zwangsversteigerung zu schätzen.
Die Vernehmung des nach den Todesschüssen festgenommenen 71-jährigen Rentners Hans P. wurde derweil fortgesetzt.
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