Kreis Viersen: Zu arm fürs Essensgeld?
VON GABI LAUE - zuletzt aktualisiert: 12.06.2007Kreis Viersen (RPO). NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers will mit 400 000 Euro ehrenamtliches Engagement fördern, damit Schulkinder regelmäßig Essen bekommen. Auch im Kreis gibt es Außenstände beim Essensgeld: Eltern zahlen nicht.
In der offenen Ganztagsgrundschule essen die Kinder jeden Mittag warm. Dafür zahlen die Eltern neben dem Beitrag für die Betreuung rund 45 Euro. Damit tun sich vor allem Hartz IV-Empfänger schwer – in Einzelfällen bleiben sie das Essensgeld schuldig. In Nettetal sind allein für ein Kind schon 450 Euro aufgelaufen, die die Kasse des Trägervereins belasten. Im Kreis Viersen leben nach Angaben der Grünen schätzungsweise mehr als 40 000 Menschen, darunter über 13 000 Kinder und Jugendliche in Armut. Dennoch bezweifeln manche Sachbearbeiter in den Kommunen, denen die Abrechnung obliegt, dass Eltern die im Schnitt 2,50 Euro pro Tag fürs Essen nicht aufbringen können.
Auch die Stadt Viersen hat, wie 427 Kommunen und Landräte in NRW, den Brief von Rüttgers erhalten. Er fordert die Städte und Gemeinden auf, förderwürdige ehrenamtliche Initiativen zu benennen, „mit denen vernachlässigten Kindern zu ihrem elementarsten Recht verholfen wird: gesundes und regelmäßiges Essen“. Sozialdezernent Dr. Paul Schrömbges ist bemüht, kein Kind vom Mittagstisch auszuschließen. „Immer dann, wenn Mittagessen nicht bezahlt wird, suchen wir nach Lösungen.“ Allerdings vermisst er Vorgaben des Gesetzgebers, „um diese Frage für eine Kommune regelbar zu machen“. In Viersen wurden bislang 392 Kinder für die 13 offenen Ganztagsgrundschulen angemeldet. Rund 24 Prozent der Eltern (unter 12 271 Einkommen) und neun Prozent der Geschwisterkinder sind beitragsfrei gestellt. In manchen Fällen hilft es, die Kündigung anzudrohen.
Ganztagsgrundschule
Landesprojekt Mit der offenen Ganztagsgrundschule will das Land die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Bildungsqualität und Chancengleichheit verbessern.
Konzept Der Besuch der OGS (8-16 Uhr) ist freiwillig. In NRW sollen 2600 Schulen ein Angebot für rund 195 000 Kinder vorhalten.
Finanzierung Mit 900 Mio. fördert das Land die Investitionen an Schulen (Umbau/Erweiterung/Ausstattung). Land und Kommunen teilen sich die Finanzierung des zusätzlichen Personals. Kommunen legen Elternbeiträge fest.
Ein Kind ausgeschlossen
In Niederkrüchten sind für zwei OGS-Gruppen bislang 46 Kinder angemeldet. „Es wird jeden Tag frisch gekocht, besser geht es nicht“, betont Schulamtsleiter Hans-Willi Cüsters. Die personelle Ausstattung habe sich verbessert, für Geschwisterkinder wird der halbe Beitrag verlangt. Bedenke man die Ausstattung mit Erziehern, Essen und Material, seien die Kosten nicht zu hoch: „Wo kriegen Sie dafür eine Ganztagsbetreuung?“ „Man hat immer seine Pappenheimer“, sagt Nicole Optenplatz vom Schwalmtaler Jugend- und Sozialamt. Dort sind fürs nächste Schuljahr knapp 100 Kinder in vier Ganztagsgruppen angemeldet.
In Waldniel wird für ein Jahr eine neue Regelung getestet: Einkommensschwache zahlen einen ermäßigten Tarif von 1,30 Euro täglich, die Differenz trägt der Förderverein – rund 1500 Euro im Jahr. Es gibt immer wieder Mahnungen an saumselige Eltern. In einem Fall habe ein Kind von der OGS ausgeschlossen werden müssen. Den Waldnieler Schulleiter Franz-Josef Vos ärgert die Zahlungsmoral mancher Eltern: „Es ist nicht einzusehen, dass sich einige zurücklehnen und die Allgemeinheit bezahlen lassen.“
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