Fußball: „DFB zerstört den Amateurfußball“
zuletzt aktualisiert: 21.11.2008Zu hohe Auflagen, zu wenig Geld und immer mehr Profi-Spiele parallel zu denen der unteren Ligen: Klaus Fleßers, Boss und Trainer des Fußball-Niederrheinligisten 1. FC Viersen, kritisiert, dass der Verband die Basis nicht stütze. Mit seinem Team will er die Spielklasse halten.
Wie haben Sie das 3:1 beim SV Hönnepel-Niedermörmter gefeiert? Es war schließlich der erste Saisonsieg.
Fleßers In Maßen. Wir haben den Sieg eher still genossen. Die Mannschaft hat in den vergangenen vier Wochen viel Kraft gelassen, wir haben sehr viel trainiert und in den Spielen Kampf und Einsatz gezeigt. Im Bus haben wir uns auf der Heimfahrt von Hönnepel ein Bierchen gegönnt, das war’s.
Jetzt kommt am Samstag der 1. FC Wülfrath. Das Spiel beginnt um 14.30 Uhr am Hohen Busch, also fast zeitgleich zur Bundesliga. Kommen da überhaupt Zuschauer?
Daheim nur Remis
Tabelle Der 1. FC Viersen ist mit einem Sieg, sieben Unentschieden und fünf Niederlagen Tabellen--14. mit zehn Punkten. Der SV Straelen 2 auf dem derzeit ersten Abstiegsplatz ist punktgleich. Gegner Wülfrath hat als Elfter 18 Punkte.
Heimspiel Noch ist der 1. FC Viersen am Hohen Busch ohne Saisonsieg. Alle sechs bisherigen Heimspiele endeten unentschieden.
Fleßers Ich hoffe es doch. Naja, und die Borussen-Fans, die nicht mit nach Schalke fahren, könnten ja zu uns kommen. Jeder Zweite bekommt dann freien Eintritt.
In der nächsten Saison wird der Bundesliga-Spielplan weiter aufgesplittet. Dann wird es wohl noch schwieriger für die Amateurvereine, ihre Zuschauer zu halten, oder?
Fleßers Das kann passieren. Leider muss ich sagen: Der DFB zerstört den Amateurfußball. Es gibt so schon jeden Tag Fußball im Fernsehen, da geht es doch nur noch um Quoten und Geld. Der DFB hat es uns Amateurvereinen durch die Einführung der Dritten Bundesliga bereits schwer gemacht. Und die Auflagen, die ab der Oberliga gemacht werden, sind für die kleineren Vereine katastrophal.
Wieso?
Fleßers Wir haben geplant, mittel- langfristig wieder in die Oberliga aufzusteigen. Sicher, aktuell ist die Situation eine andere, aber ich glaube, dass wir nicht absteigen und uns zum Schluss der Saison in der oberen Tabellenhälfte wieder finden werden. Sportlich haben wir das Zeug für die Oberliga. Doch die Auflagen machen es uns unmöglich. Man muss einen eigenen Block und separate Toiletten für die Gäste-Fans haben, die Kabinen müssen mindestens 45 Quadratmeter groß sein, außerdem sind zehn Presseplätze Pflicht. Um das zu erfüllen, müssten wir 500 000 Euro investieren. Ich habe zuletzt mit Hermann Tecklenburg, dem Boss des SV Straelen, gesprochen. Er sieht es genauso. Im deutschen Fußball wird jenseits der Realität entschieden. Die Leute in Frankfurt haben keinen Blick mehr für die Basis. Die Nationalspieler sollen bis zu 200 000 Euro nur für die WM-Qualifikation kriegen, wohl gemerkt für die Qualifikation, nicht für den Titel. Für die Amateure wird nichts getan. Das passt nicht zusammen.
Reichen die Zuschauereinnahmen nicht?
Fleßers Zu besten Oberliga-Zeiten hatten wir einen Schnitt von 1000 Besuchern, jetzt sind es 200. Da bleibt nichts übrig. Es geht um die Existenzfähigkeit der Amateurvereine. Vereine wie beispielsweise Union Nettetal, der TSV Kaldenkirchen, viele andere mehr und wir leisten pädagogische und soziale Arbeit. Wir vermitteln den Jugendlichen Werte wie Gemeinschaftssinn, Kameradschaft und Zusammenhalt. Das müsste der DFB mehr stützen. Aber die Kluft zwischen Reich und Arm wird auch im Sport immer größer.
Dennoch: Mit den Mitteln, die da sind, müssen Sie klar kommen.
Fleßers Richtig. Darum haben wir unsere Aufwandsentschädigungen bereits halbieren müssen. Trotzdem der Aufruf an Wirtschaft und Sponsoren: Unterstützen Sie die Jugendarbeit der Amateurvereine. Wir halten unsere Kinder fern von Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum und Randalismus. Dazu benötigen wir die bestausgebildeten Trainer. Ohne finanzielle Unterstützung ist diese Arbeit jedoch nicht zu bewältigen.
Das ist die Zukunft, die Gegenwart ist Abstiegskampf. Wie sehen Ihre Ziele für die nächsten Aufgaben aus?
Fleßers Wir müssen sehen, dass wir aus den letzten vier Spielen in diesem Jahr möglichst viele Punkte holen. Mit Wülfrath, Homberg, TuRa Duisburg und dann Düsseldorf-West haben wir Gegner, die auf Augenhöhe sind. Sehr wichtig ist jetzt das Spiel gegen Wülfrath. Das müssen wir gewinnen. Wülfrath ist nicht schlecht. Aber wir kämpfen wieder, das haben wir in Hönnepel auch ohne fünf Stammspieler gezeigt. Und das ist die Grundlage für jedes Fußballspiel.
Warum war das vorher nicht so?
Fleßers Wenn ich als Trainer sehe, dass Spieler nicht kämpfen, muss ich ihnen in den Hintern treten.
Kämpfen ist schön, aber was ist mit Fußball?
Fleßers Das ist der nächste Schritt, um den sich dann in der Vorbereitung auf die Rückrunde der neue Trainer kümmern muss. Dann sind kreative Spieler wie Marijan Mustac, Denis Bödeker, Florian Meier oder Martin Banasch wieder fit.
Thomas Vtic vom SV Vynen-Marienbaum soll ein Kandidat für den Trainerjob sein.
Fleßers Er gehörte zum Kandidatenkreis. Jetzt aber haben wir drei andere Trainer, die in der engeren Auswahl sind. In etwa 14 Tagen werden wir uns für den neuen Mann entscheiden. Namen werde ich aber nicht nennen.
Wie lautet das Anforderungsprofil für den neuen Trainer?
Fleßers Er muss die Niederrheinliga kennen, Erfahrung im Abstiegskampf haben und ein ehrlicher, harter Hund sein. Für mich gilt das Max-Merkel-Prinzip: Zuckerbrot und Peitsche. Natürlich muss der Trainer auch die Spieler erreichen und motivieren können.
Klingt, als würden Sie einen Klon von sich selbst suchen.
Fleßers Nein. Es gibt auch andere gute Trainer. Wir müssen nur den richtigen finden, der zu uns passt.
Wie kriegen Sie den Spagat zwischen Sportgeschäft, Vereinsboss und Trainer hin?
Fleßers Das ist schwierig und geht tatsächlich nur für eine kurze Zeit. Mein Sohn Thorsten unterstützt mich im Geschäft, zudem bin ich meist schon morgens um sieben da. Am 13. Dezember ist das letzte Spiel des Jahres, bis dahin wird es gehen. Und bis dahin wollen wir die Basis legen, in der Niederrheinliga zu bleiben. Das muss unser Anspruch sein. Und die Mannschaft hat das Zeug dazu.
Karsten Kellermann sprach mit Klaus Fleßers, Vereinsboss und Interimstrainer des 1. FC Viersen.
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