Willich: Das Stück hieß „Sündenböcke“
VON ANGELA WILMS-ADRIANS - zuletzt aktualisiert: 13.09.2006Willich (RPO). Der Verein Festspiele Schloss Neersen registriert einen Tiefstand, Ex-Intendant Herbert Müller erntet Kritik und der Festspielvorstand musste sich heftige Vorwürfe gefallen lassen.
Neersen Im Mittelpunkt der Versammlung des Vereins stand die neue Intendantin Astrid Jacob und ihr Konzept für die kommenden Festspiele. Die Trennung von Ex-Intendant Herbert Müller wurde kontrovers diskutiert. Es folgte aber dennoch der klare Schnitt für die Planung 2007.
Geschäftsführerin Doris Mahjoub-Thiel zog Bilanz der letzten Festspiele und stellte eine Gesamtauslastung von 57,63 Prozent fest – ein alarmierender Tiefstand der Besucherzahlen nach dem Rekordjahr 2003. Dabei wäre eine Trendwende dringend nötig gewesen. „Herbert Müller hat die Herausforderung angenommen“, doch stattdessen habe sich die Situation dramatisiert, meinte Festspielvereinsvorsitzender Norbert Schlöder. Die Wirtschaftslage trage vielleicht auch ihren Teil zu dieser Entwicklung bei, räumte der Vorsitzende ein. Doch mit der Auswahl der Stücke, der Schauspieler und der Inszenierung sei der Intendant wesentlich daran beteiligt.
Der Vorstand musste sich Vorwürfe gefallen lassen, die Arbeit des Ex-Intendanten nicht entsprechend unterstützt und mit dem Wechsel eine einsame Entscheidung getroffen zu haben. Wegen der mehrfach bemängelten Werbung wurden bereits Fachleute gebeten, bessere Möglichkeiten zu prüfen. Ulrich Mischke nahm rückwirkend nicht nur den Intendanten in die Pflicht, sondern auch Vorstand, Geschäftsführung und Verwaltung. Der „gerade geschasste Herr Müller“ sei immerhin für die Rekordzahlen von 2003 verantwortlich gewesen. Das ungeliebte Kinderstück von 2005 habe sich vermutlich auf das diesjährige negativ ausgewirkt. Immerhin betrug der Anteil der Kinderstücke einst 52 Prozent. Fritz-Joachim Kock verteidigte die Entscheidung des Vorstandes, denn dieser trage „eine hohe wirtschaftliche Verantwortung“.
„Und dennoch“
„Der Schlosspark hat etwas Poetisches, und das hat viel mit Kunst zu tun“, ließ die neue Intendantin Astrid Jacob ihr Herz für den Spielort Neersen sprechen. „Ich arbeite gerne unter einer Headline und habe sie für mich unsichtbar ,Und dennoch‘ überschrieben“, bekannte sie.
Ein „Und dennoch“ bescheinigte sie dem Neersener Einsatz in Zeiten, da Kultur vielerorts abgebaut wird. Ein den Umständen trotzendes „Und dennoch“ soll auch die Inszenierungen der ausgewählten Stücke – Shaws Drama „Pigmalion“ und Molières „Der Geizige“ – leiten. Für das Kinderstück „Des Kaisers neue Kleider“ verspricht Astrid Jacob eine neue, schöne Bearbeitung.
Die Wellen der Erregung wichen einer gespannten Aufmerksamkeit, als sich Astrid Jacob vorstellte – sympathisch, selbstbewusst und eloquent. Schon mehrfach wurde sie in den Vorjahren wegen der Festspiele Schloss Neersen angesprochen. Auch diesmal war sie eigentlich nicht frei, konnte sich aber „verantwortlich“ aus anderen Verpflichtungen lösen. Das persönliche Gespräch mit Geschäftsführung und Vorstand des Vereins nach einer Premiere habe ihr in der sympathischen Offenheit imponiert, bekannte die neue Intendantin. Doch maßgeblich für ihre Entscheidung sei gewesen, dass man in Neersen etwas bewegen wolle – und das in Zeiten, wo Kürzungen im kulturellen Bereich höchst willkommen sind.
Astrid Jacob versprach „ein faires Engagement“. „Ich möchte interessantes, modernes Theater machen, wo die Jugendlichen in Wallung kommen.“ Denn gerade das in Neersen zu beobachtende Verantwortungsbewusstsein „für Menschen, die in unsere Welt hineinwachsen“ habe ihren Idealismus angesprochen. Doch sie mahnte „Für Besucherzahlen gibt es kein Allheilmittel“.
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