Willich: Zeichen gegen Neonazismus
zuletzt aktualisiert: 23.02.2012Willich (RP). Bernd-Dieter Röhrscheid, Lehrer am Schiefbahner St. Bernhard-Gymnasium, zur Aktion von Schülern, Stolpersteine zum Gedenken an die ermordeten Willicher Juden zu verlegen
Heute ist in Berlin die Gedenkveranstaltung für die jüngsten Opfer der von rechter Seite motivierten terroristische Anschläge in unserem Land. Sie, Herr Röhrscheid, haben mit Schülern des Schiefbahner St. Bernhard-Gymnasiums begonnen, Stolpersteine für die in den KZ ermordeten Willicher Juden zu verlegen. Sehen Sie in der Stolperstein-Aktion auch ein Zeichen gegen den Terror von Rechts?
Bernd-Dieter Röhrscheid Ich bin mir sicher, dass die Aktion bei den jungen Leuten, die dabei waren, schon ein eigenes inneres Zeichen gewesen ist. Ich stelle fest: Wenn jüngst in den Medien berichtet wurde, dass jeder fünfte Deutsche noch antisemitische Vorstellungen habe, dass die Schüler, die mitgemacht haben bei den Stolpersteinen, gegen diese Vorstellungen argumentieren und sich eigentlich nicht vorstellen können, dass es in Deutschland so sein soll. Außerhalb der Gruppe, die sich aktiv an der Aktion beteiligt, glaube ich, dass der weitaus größte Teil der Bevölkerung hinter der Aktion steht und sie als Zeichen gegen Antisemitismus und Neonazismus sieht. Die Steine zeigen, dass wir in Willich – die junge Generation, unterstützt durch die Bevölkerung – nicht wollen, dass sich so etwas jemals wiederholt.
So geht es weiter
Paten Es werden noch Paten gesucht, die die Kosten für die noch zu verlegenden Stolpersteine übernehmen. Bislang gibt es 27 Paten für die bislang vorgesehenen 41 Steine in der Stadt. Die Zahl der Steine wird voraussichtlich noch steigen. Kosten pro Stein: rund 120 Euro.
Buch Mit Stadtarchivar Udo Holzenthal will Bernd-Dieter Röhrscheid voraussichtlich im Herbst das Buch "Schicksal jüdischer Familien aus Willich" herausgeben. Die Autoren sind noch für Hinweise oder Bilder aus allen Stadtteilen dankbar.
Kontakt Bernd-Dieter Röhrscheid, Tel. 02154 7967
Die ersten Steine wurden in Schiefbahn verlegt. Welche Reaktionen haben die Schüler bekommen?
Röhrscheid Die Reaktionen waren durchweg positiv. Die Verlegung der Steine an sich ist bei allen, die da waren – und es waren viele da – sehr positiv angekommen. Alle haben gesagt: Es war sehr würdig und der Angelegenheit sehr angemessen. Wir haben keinerlei negative Äußerungen gehört, sondern die Reaktionen waren allesamt aufmunternd, die Aktion fortzusetzen.
In welcher Weise wird das geschehen?
Röhrscheid Wir wollen die Aktion jetzt in die anderen Stadtteile bringen, nach Alt-Willich und nach Anrath. In Neersen gibt es bislang keinen Stein. Für die Neersener Juden sind zum großen Teil Steine gesetzt worden außerhalb unserer Stadt in den Orten, in denen ihr letzter frei gewählter Wohnsitz war. Und ein anderer Teil der Neersener Juden ist ausgewandert. Wann wir weitere Steine verlegen werden, ist noch nicht klar. Der Künstler Günter Demnig hat tausende von Stein-Anfragen bundesweit. Er hat uns aber zugesagt, weil es hier eine Schüler-Aktion ist, mehrere Steine im Dezember zu verlegen. In zwei Jahren, wenn die Schüler Abitur machen, wollen wir die Aktion abgeschlossen haben.
Wie denken die Schüler nach der Verlegung der ersten Steine über ihre Aktion?
Röhrscheid Zunächst muss ich sagen: Die Schüler hatten vor der Verlegung großen Respekt, weil sie ja etwas sagen mussten. Von ihnen kamen danach aber positive Rückmeldungen insofern, weil sie erleichtert waren und jetzt auch motiviert sind, die Sache so zu Ende zu bringen, wie sie sich das vorstellen. Sie haben ja gesagt, dass sie hier in Schiefbahn die Steine für die zwei Kinder Ruth Rübsteck und Bruno Schönewald sowie den Roma oder Sinti Günther Laubinger in Anrath noch verlegen werden.
Das sind drei Namen von vielen Ermordeten aus der Stadt Willich. Wird es auch eine Dokumentation zu der Aktion geben?
Röhrscheid Wir werden eine Dokumentation nicht nur zu den Steinen – die hat ja Stadtarchivar Udo Holzenthal schon auf der Homepage der Stadt Willich begonnen – zusammenstellen, sondern auch ein Buch über das Schicksal der jüdischen Willicher Familien herausbringen. Darin wollen wir deren Schicksal umfassend dokumentieren und auch die Stolperstein-Aktion. Die Schülergruppe hat einen Teil der Arbeit geleistet, aber wenn es tiefer geht, etwa um die wissenschaftliche Auseinandersetzung, haben das zum größten Teil Stadtarchivar Udo Holzenthal und ich gemacht. Die Schüler haben nicht die Zeit, um in die Archive einzusteigen.
Helfen die Schiefbahner Schüler bei der Dokumentation für alle deportierten Juden aus allen Ortsteilen der Stadt Willich mit?
Röhrscheid Sie haben Vorarbeiten geleistet. Ich habe aber jetzt vor, die Anrather Angelegenheit an das Anrather Gymnasium abzugeben, damit die letzten Recherchen – wo genau waren die Häuser, Zeitzeugeninterviews – am Lise-Meitner-Gymnasium gemacht werden. Ich halte es für angemessener, dass sich die Anrather Schüler engagieren, wenn in Anrath die Steine verlegt werden. In Willich werde ich auch die Gesamtschule in Willich ansprechen, ob es dort nicht einen Kollegen gibt, der für die Steine in Willich die Endrecherchen machen möchte. Die Grundlagen sind da, aber es gibt noch eine ganze Menge zu tun.
Sie hatten nach der Verlegung der ersten Steine Anfang des Monats auch darum gebeten, dass Bürger Patenschaften für weitere Stolperstein-Verlegungen übernehmen sollten. Wie sieht es da mit den Reaktionen aus?
Röhrscheid Es kamen Reaktionen aus allen Stadtteilen. Mich hat zum Beispiel ein Versicherungsvertreter, der in einem ehemaligen Judenhaus in Anrath wohnt, angerufen, der unbedingt einen Stolperstein finanzieren möchte, weil er es ganz wichtig findet, auf das Schicksal der jüdischen Mitbürger hinzuweisen. Ein früherer Kollege der Realschule, der zehn Jahre lang mit den Schülern der Realschule nach Auschwitz gefahren ist und dort Sozialarbeit gemacht hat, möchte acht Steine finanzieren. Das fand ich sehr berührend, weil er sich noch so sehr an die zehn Jahre erinnert. Ein Mitglied des Lions Club hat mich angerufen, er möchte auch einen Stein finanzieren. Ich habe allmählich mehr Paten als Steine, und das ist doch sehr positiv.
Das Gespräch führte Christian Heidrich
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