Duisburg: Großes Geläut für den neuen Saal

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 27.04.2007 - 16:00

Duisburg (RP) Die Mercatorhalle wurde als Teil des „City Palais“ neben dem Spielcasino mit einem überlangen Symphoniekonzert eröffnet. Die Akustik ist überraschend gut, doch die Klimaanlage lärmt unmäßig. Die Innenausstattung scheint einstweilen kahl und provisorisch.

Die Mercatorhalle wurde als Teil des „City Palais“ neben dem Spielcasino mit einem überlangen Symphoniekonzert eröffnet. Foto: Andreas Probst
Die Mercatorhalle wurde als Teil des „City Palais“ neben dem Spielcasino mit einem überlangen Symphoniekonzert eröffnet. Foto: Andreas Probst

Das Musikleben der Stadt Duisburg ist uns oft Anlass zu Freude und Erbauung gewesen, wir erlebten erhebende Opern und treffliche Konzerte, wohnten Musikpreisverleihungen bei und besuchten lebende Komponisten in ihren Behausungen.

Wir besuchten dann und wann auch die Mercatorhalle, in der es stets sehr gut klang und die im Reigen der explodierenden Kunst- und Kulturstädte des Ruhrgebiets etwas Zuverlässiges, anheimelnd Altmodisches hatte. Das konnte auf Dauer natürlich nicht so bleiben, und so gibt es jetzt die neue Mercatorhalle, mit allerlei Schnickschnack ausgerüstet, den die Initiatoren mit einer Verbissenheit bejubeln, als sei der Schnickschnack die Seele des Ganzen.

Die Seele des Ganzen findet man leider nur mit einiger Mühe. Man kommt aus der Ferne und will also in die Mercatorhalle. Sie ist Teil des „City Palais“, eines Innenstadtklotzes, dessen Titel wohl für die winzige Gruppe von Franzosen mit Englischkenntnissen erfunden wurde. Das „City Palais“ verfügt über ein Parkhaus mit Aufzügen, doch auf keinem Knopf gibt es eine Mercatorhalle, die kennt nur draußen das Parkhausschild.

Als Ortsfremder ist man darauf angewiesen, hilflose Duisburger anzusprechen, die ebenso umherirren und nicht wissen, wo die Mercatorhalle ist. Wir steigen experimentell auf der Ebene einer Fressmeile aus, gucken uns um und erblicken Rolltreppen nach oben. Da hängt ein Schild: Casino. Es ist fast wie im Glücksspiel, dass wir daneben auch die unbeschilderte Mercatorhalle finden.

Drinnen wirkt einiges provisorisch, in den Saal führen im Podiumsbereich Metallgestänge, wie sie in Fußballstadien der 70er Jahre als Wellenbrecher Verwendung fanden. Die Seitenwände blecken vor kuriosen Lichtstreifen und weißer Helligkeit, da wird hoffentlich noch ein Maler kommen, der an die Decke bereits das (in vielen Sälen leider notorische) Kornblumenblau pinseln durfte. Decke = Himmel = Blau: Das ist die Welt der Ästheten.

Die Stühle sind sehr bequem, zu schaffen macht dem Konzertgänger allerdings die Klimaanlage. Sie ist nicht so leistungsfähig, dass sie dem Eröffnungskonzert mehrere Kollaps-Patienten erspart hätte, macht aber so rauschend Lärm, dass sie sich in die Piano-Partien unschön einmischte.




Wir stöhnten eigentlich in einem fort, und das natürlich auch, weil ein Duisburger, dem Städtepartnerschaft unantastbar ist, die 70-minütige Symphonie „Heaven Earth Mankind“ des Chinesen Tan Dun für ein taugliches Einweihungs-Opus hielt. Im Hintergrund der Bühne stand ein bombatisches Glockenspiel, das artige Chinesen aus Wuhan, Duisburgs Partnerstadt, bedienten.

Die Komposition wäre mit „Heiliger Bimbam“ besser überschrieben: Gut gemeintes Gebimmel, Getrommel und Gefiedel, bei dem immerhin die Qualität der Musiker (vor allem Claudio Bohórquez, Cello, und die Kinder der Chorakademie Dortmund) einen rührenden Nachweis der Gewissheit gab, dass auch Quälerei zu etwas nutze ist.

Weil in der Pause das offerierte alkoholische Kaltgetränk nur ein Laugetränk war, rüsteten wir uns mit guten Gesprächen für den zweiten Giganten: Bruckners 9. Symphonie. Die steht über den Ort ihrer deutschen Erstaufführung mit Duisburg in Verbindung, und wir danken Wagner, dass er die „Götterdämmerung“ nicht auch hier aus der Taufe gehoben hat– sie wäre als drittes Hochpotenzwerk ebenfalls noch erklungen. Nun, Tan Dun und ein von Jonathan Darlington holprig dirigierter Bruckner reichten.

Gewiss, die Akustik ist schön, jedenfalls streicherfreundlicher als in Essen, nicht übermäßig hallig. Wegen der Breite der Bühne sollten die Duisburger Philharmoniker, die mit ihrer neuen Heimat einstweilen nicht vertraut sind (was ein Vorteil sein kann), an ihrer Aufstellung arbeiten. Vielleicht empfiehlt sich nun die historisch korrekte Teilung der Violinen auf linke und rechte Seite, wodurch die Bratschen halbrechts, die Celli halblinks integriert und die Kontrabässe links hinter den Primviolinen platziert wären.

Ohnedies werden noch manche Kinderkrankheiten zu kurieren sein, bevor die potenziell schöne Mercatorhalle ein vollends akzeptabler Konzertsaal ist. Auf diesen Moment der vollständigen Heilung hoffen wir Duisburg-Fans sehr.

Quelle: RP

 
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