Niederrhein (RP) In einer Sommerserie stellt die RP an dieser Stelle berühmte Menschen vom Niederrhein vor. Den Auftakt macht die wohl bekannteste Frau der ganzen Region, die Queen von England wurde: Anna II. von Cleve.
Das Urteil des Königs war vernichtend: Grausam beschrieb Heinrich VIII. seine künftige Königin als "flandrische Stute". Seinen Kanzler Thomas Cromwell, der die Heirat eingestielt hatte, raunzte er sogar an: "My Lord, wenn es nicht darum ginge, die Welt und mein Reich zufrieden zu stellen, würde ich um nichts in der Welt das tun, was ich an diesem Tag tun muss." Nämlich heiraten. Dummerweise eben diese Stute aus Flandern, die Tage zuvor an der Kanalküste in Calais mit Paraden und 150 Schuss Salut von einem eindrucksvollen Aufgebot englischer Lords empfangen worden war. Anna von Cleve galt mit 24 Jahren schon nicht mehr als die jüngste, als sie nach England verheiratet wurde (zum Vergleich: ihre Schwester Sybille war 14, als die Heirat mit dem Kurfürsten von Sachsen beschlossen wurde und Lucas Cranach das wunderschöne Gemälde Sybilles schuf). Während Cranach Sybille porträtierte, malte der andere Superstar der damaligen Kunstszene, Hans Holbein, das bekannte Bild der Anna von Cleve im samtenen Kleid, das heute im weltberühmten Pariser Louvre hängt.
Das Abenteuer
Dabei hatte sich Heinrich auf das Abenteuer Kleve eingelassen, weil er viel von der Schönheit und dem Liebreiz der Dame vom klevischen Hofe gehört habe – und weil er einen mächtigen Verbündeten im Streit mit Franz I. von Frankreich und Kaiser Karl V. suchte und mit einer entsprechenden Heirat seine Position im europäischen Machtpoker stärken wollte. Denn zu Annas Zeiten war der Niederrhein, vor allem aber das Herzogtum Kleve mit seinen Höfen in Düsseldorf und Kleve nicht Peripherie,sondern Land im "Mittelpunkt der Mächte". Aber eins stand für Heinrich immer vorne an: Er verfolge die Absicht, eine attraktive Ehefrau zu erwerben, betonte er immer wieder.
Von Anna war er dann maßlos enttäuscht, als er sich ihr erstmals incognito in Rochester näherte. Dabei gingen schon im Vorfeld die Meinungen über die Klever Herzogstochter auseinander: Während Sir Michael Mercator, von Heinrich zum Ritter geschlagen, über Anna schwärmte, dass der König mit der glanzvollsten, schönsten und vornehmsten Dame des Klever Hofes den Bund der Ehe eingehen werde, beschrieb einer von Heinrichs Botschaftern sie als Frau mit freundlichem, demütigem Charakter, die zwar Deutsch lesen und schreiben könne, aber weder Ahnung von Latein noch von Französisch habe, aber wohl die Intelligenz aufweise, zügig Englisch zu lernen . . .
Anna war vielleicht nicht eine Schönheit nach dem Geschmack des englischen Königs, aber sie war intelligent genug, ihn und seine vielen Frauen zu überleben. Schon 1540 wurde die Ehe für nichtig erklärt. Anna willigte ein, den König als Bruder anzureden und wurde fürstlich für ihr Entgegenkommen entlohnt. Sie lebte zunächst in Richmond Palace, freundete sich mit Prinzessin Mary an und soll sich mütterlich gegenüber Elizabeth verhalten haben. Nach ihrem Tode wurde sie mit allen Würden nahe dem Hauptaltar von Westminster Abbey beigesetzt.
Quelle: RP