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Lyndal Roper
Der mit dem Glauben ringt

Lyndal Roper: Der mit dem Glauben ringt
Martin Luther - illuminiert in der Church Night in Hünger. FOTO: Jürgen Moll
Oxford. Die Oxforder Professorin und Luther-Forscherin wird heute mit dem internationalen Forscher-Preis der Henkel-Stiftung ausgezeichnet. Von Lothar Schröder

Sie ist eine der großen Luther-Forscherinnen unserer Zeit: die australische, in Oxford lehrende Lyndal Roper. Für ihre wissenschaftliche Arbeit wird der 60-Jährigen heute der mit 100.000 Euro dotierte Gerda-Henkel-Preis zuerkannt. Zum Reformationsjubiläum ist von Lyndal Roper zudem die viel beachtete Biografie "Luther - Der Mensch" (S. Fischer-Verlag, 732 Seiten, 28 Euro) erschienen.

Sie wollten die Seelenlandschaft Luthers erkunden? Was haben Sie bei dieser über 700-seitigen Exkursion denn vorgefunden?

Roper Für mich ist Luther jemand, der immer mit dem Glauben ringt. Er ist also keiner, der sich auf eine Heilsgewissheit bequem zurückziehen kann. Dieses Ringen mit dem Glauben und mit Gott ist unglaublich wichtig für seine Seelenlandschaft. Insgesamt ist es eine extrem komplexe Landschaft, in dem auch das Körperliche immer wieder eine wichtige Rolle spielt.

Bei Luther scheint es - gerade bei der Körperlichkeit - fast zu jedem Thema zwei Ansichten zu geben. So steht neben seiner ausgeprägten Frauenfeindlichkeit seine Forderung, dass Männer wie Frauen gleichermaßen ein Recht auf Lust haben.

Professorin Lyndal Roper FOTO: Henkel

Roper Ja, das stimmt. Es gibt nahezu immer zwei Seiten bei ihm. Wobei man seine Äußerungen über Frauen im Zusammenhang sehen muss; etwa seine Aussagen bei den Tischgesprächen, wo wahrscheinlich oft auch seine Frau dabei war und wo auch über Geschlechterunterschiede gescherzt wurde. Aber er macht auch große Unterschiede zwischen Männern und Frauen und weist ihnen bestimmte Rollen zu.

Gibt es bei Luther nicht auch einen Widerstreit zwischen Vernunft und Emotionalität? Auf der einen Seite zählt für ihn nur die Schrift, auf der anderen Seite glaubt er an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie.

Roper Emotionalität würde ich das nicht nennen. Denn die Eucharistie ist für Luther die Versicherung, dass man mit Gott ein Testament schließt. Das ist mehr eine Art leibliche Garantie. Auch in seinem Verständnis der Eucharistie wird sein ungezwungenes Verhältnis zur Körperlichkeit sichtbar. Aber Luther sagt auch, dass Vernunft eine Hure ist. Damit macht er einen Unterschied zur Schrift; Schrift und Vernunft sind nicht dasselbe für ihn. Gottes Wort zu begreifen heißt, etwas zu begreifen, das eben nicht nur rational und für den Menschen nachvollziehbar ist.

Im Umgang mit anderen Menschen muss Luther extrem aufbrausend gewesen sein. Er kannte nur Freunde oder Feinde.

Roper Er hat zumindest einen starken Hang zu dieser Haltung. Aber auch das muss man sagen: Er besitzt eine wunderbare Fähigkeit, Beziehungen zu knüpfen und vor allem andere an sich zu binden. Luther versteht die Menschen, ganz besonders Melancholiker; zumal er selbst an Melancholie gelitten hat. Diese Fähigkeit, andere zu verstehen, ist eine seltene Gabe. Martin Luther hat sie, verbunden mit einer großen Ausstrahlung.

Wären Sie ihm denn gerne einmal begegnet?

Roper Na ja, ich hätte sicher ein bisschen Angst vor ihm gehabt. Dennoch: Ihn kennenzulernen, muss für viele geradezu ein Erlebnis gewesen sein - wenn er auch nicht gerade unkompliziert gewesen ist.

Mir scheint, als habe er Konflikte regelrecht gesucht; als sei Streit für ihn auch eine Energiequelle gewesen.

Roper Unbedingt. Zunächst: Luther trägt mit dieser Konfliktlust auch eine gewisse Männlichkeit zur Schau. Er hat aus Opposition aber auch immer Kraft gewonnen und seine Theologie entwickelt. Eine Herausforderung erlaubte ihm, bestehende Autoritäten und scheinbar feststehende Lehrmeinungen zu durchbrechen, durchaus mit einer gewissen Aggression. Das hat ihn auch beim Schreiben regelrecht befreit. Er hat Aggression und Kreativität miteinander vereint.

Wird Luther mit dieser Seelenschau auch ein wenig entzaubert?

Roper Ein Zauber bleibt immer. Die Begegnung mit Luther durch seine Schriften ist so spannend, dass die Anerkennung eigentlich nur wächst.

Luther hat in einem vergleichsweise überschaubaren Lebensraum von etwa 90 Kilometern gelebt. Er ist nicht viel durch die Welt gereist. Hat das sein Denken beeinflusst?

Roper Es hat sicher dazu beigetragen, dass seine Fähigkeit, mit anderen Kompromisse zu schließen und schließen zu müssen, nicht sonderlich ausgeprägt war.

Könnte man Luther mit seinem vehementen Antisemitismus als einen Vordenker des nationalsozialistischen Antisemitismus sehen?

Roper Nein, aber es bleibt dieses Erbe. Antisemitismus ist nicht nur deutsch. Den findet man in vielen anderen Ländern - beispielsweise auch in Frankreich, wie man im Fall Dreyfus Anfang des 20. Jahrhunderts ja deutlich sehen konnte. Man kann aber nicht vereinfachend von Luthers Antisemitismus Rückschlüsse auf den Rassismus der Nazis schließen - auch wenn Luther die Herrscher dieser Welt dazu aufrief, sie sollten alle Synagogen niederbrennen und sein Programm die vollständige Auslöschung dieser Kultur vorsah. Auch darin kommt seine Körperlichkeit zum Ausdruck: Sein Antisemitismus steigerte sich bis hin zu einem gewissen Ekel.

Endet mit Luther das Mittelalter?

Roper Nein, man muss Luther in seiner Zeit verstehen. Das Mittelalter war es, das sein Denken geformt hat. Unsere Suche nach der Moderne und das Abgleichen mit der Moderne hilft uns nicht weiter. Wir müssen das theologische Denken immer an sich verstehen und es an sich erkennen.

Sie entstammen selbst einem Pfarrhaushalt mit vielen Büchern. Erzählen Sie damit auch ein bisschen Ihre eigene Glaubensgeschichte?

Roper Mein Vater war nur fünf Jahre Pfarrer. Aber natürlich hat mich das beeinflusst; und es hat viele Fragen aufgeworfen, denen ich nachgehen wollte. Die vergangene Welt ist immer eine fremde Welt. Und was ich in Luther gefunden habe, war nicht das, was ich erwartet hatte.

Quelle: RP
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